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Carl Severing
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Er galt als Vertreter des rechten ParteiflĂźgels. Ăber Jahrzehnte kam ihm im Parteibezirk Ostwestfalen und Lippe eine FĂźhrungsrolle zu. Severing agierte als Mitglied des Reichstages während des Deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Eine Ăźberregional bedeutende Rolle spielte er erstmals 1919/20 als Reichs- und Staatskommissar im Ruhrgebiet.
In den Jahren 1920 bis 1926 trieb er im Freistaat PreuĂen als Innenminister die Demokratisierungspolitik von Verwaltung und Polizei entscheidend voran. Im zweiten Kabinett von Hermann MĂźller bekleidete Severing von 1928 bis 1930 das Amt des Reichsinnenministers. In der Endphase der Republik war er von 1930 bis 1932 noch einmal preuĂischer Innenminister.
Während der Zeit des Nationalsozialismus lebte er als Pensionär in Bielefeld. Nach Kriegsende betätigte sich Severing erneut politisch. Er war unter anderem Vorsitzender der SPD in Ostwestfalen-Lippe und Landespolitiker in Nordrhein-Westfalen.
Contents
⢠Erster Weltkrieg
⢠Krisenjahr 1923
⢠PreuĂenschlag
⢠Nachkriegszeit
⢠Landespolitiker
⢠Letzte Jahre
⢠Trivia
⢠Ehrungen
⢠Publikationen
⢠Literatur
⢠Weblinks
⢠Einzelnachweise
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Leben und Wirken in der Zeit des Kaiserreichs
Herkunft und erste politische Erfahrungen
Carl Severing entstammt einer Herforder Arbeiterfamilie. Er wurde als Sohn von Martin Bernhard Ludwig Gottfried Severing (1843â1917) und dessen Frau Caroline Johanne, geb. Twelker (1848â1922), geboren und wuchs in beengten Verhältnissen auf.cite-ref-1[1] Sein Vater arbeitete als Zigarrensortierer, seine Mutter als WeiĂnäherin.cite-ref-2[2] Die Familie war protestantisch. Sie geriet in Not, als der Vater psychisch erkrankte. Carl und ein Halbbruder mussten der Mutter beim Sortieren der Zigarren helfen, eine Tätigkeit, die in Heimarbeit verrichtet wurde. Ein Pfarrer bot an, fĂźr Carl die Finanzierung des Besuchs einer hĂśheren Schule zu organisieren. Er schlug vor, die Laufbahn eines Pfarrers einzuschlagen, was jedoch auf Ablehnung stieĂ, er wollte Musiker werden. Dieser Wunsch erwies sich jedoch als nicht finanzierbar.cite-ref-3[3] So begann Severing nach dem Besuch der Volksschule eine Schlosserlehre, die er im Jahr 1892 abschloss.
Politik spielte in der Familie keine Rolle, dennoch zeigte Carl bereits frßh Interesse an der sozialistischen Arbeiterbewegung. Ein Kollege machte ihn mit ihren Zielen vertraut. Unmittelbar nach seiner Gesellenprßfung schloss Severing sich dem freigewerkschaftlichen Deutschen Metallarbeiter-Verband (DMV) an. Innerhalb der Organisation ßbernahm er bald erste Positionen. So war er Schriftfßhrer und wurde 1893 bereits als Vertreter des DMV ins Ürtliche Gewerkschaftskartell gewählt. Im selben Jahr trat Severing fßr die Grßndung eines sozialdemokratischen Lokalvereins in Herford ein. Diese Grßndung war allerdings nicht von langer Dauer, und Severing sah sich gezwungen, 1894 zusammen mit einigen anderen einen zweiten Versuch zu wagen. Bereits zu dieser Zeit betätigte sich Severing als Korrespondent und Ansprechpartner der sozialdemokratischen Zeitung Volkswacht aus dem benachbarten Bielefeld. Dabei lernte er mit Carl Hoffmann und Carl Schreck die damals fßhrenden Sozialdemokraten Bielefelds kennen, mit denen ihn später ein besonderes Vertrauens- und Arbeitsverhältnis verband.
Als GrĂźnde fĂźr sein Engagement in der Arbeiterbewegung gab er später an: âDie BeweggrĂźnde, die mich zum Anschluss an die Gewerkschaft, zum Eintritt in die sozialdemokratische Partei bestimmt haben (âŚ) waren mehr vom GefĂźhl, vom Willen zur Freiheit und zum wirtschaftlichen Aufstieg als von wissenschaftlicher Erkenntnis eingegeben.âcite-ref-4[4]
Im Jahr 1894 verlieà Severing Herford und zog nach Bielefeld. Dort gab er seine Beschäftigung im Handwerk auf und wechselte in die Industrie. Er fand eine Anstellung bei den Dßrkopp-Werken. Auch in Bielefeld engagierte er sich in Partei und Gewerkschaft. 1896 spielte er eine fßhrende Rolle bei einem gescheiterten Streik bzw. einer Aussperrung bei Dßrkopp. Aus diesem Grund verlor er seinen Arbeitsplatz.
Die Jahre in der Schweiz
Nach dem Arbeitsplatzverlust wanderte Severing sĂźdwärts und kam 1895 nach verschiedenen Stationen nach ZĂźrich. Dort arbeitete er als Facharbeiter in einer Metallwarenfabrik und engagierte sich fĂźr den Schweizerischen Metallarbeiterverband, der fĂźr zugewanderte deutsche Arbeitskräfte eigenständige Teilorganisationen besaĂ. Ebenso fand er Anschluss an den âOrtsausschuss deutscher Sozialdemokratenâ und im deutschen Arbeiterbildungsverein âEintracht.â In den verschiedenen Vereinen etablierte sich Severing in kurzer Zeit als eine fĂźhrende PersĂśnlichkeit. In den Schweizer Jahren wurden Severings politische Ansichten deutlich radikaler. Seine Kritik an der Politik der Sozialdemokratie fĂźhrte dazu, dass er seine Funktionen im Arbeiterbildungsverein niederlegte.cite-ref-5[5] In seinen Reden sprach er nun häufig von der âWeltrevolutionâ und nicht mehr nur von der Verbesserung der politischen und sozialen Lage der Arbeiter. Aus der Ferne beobachtete er kritisch, dass sich in der SPD Ostwestfalens ein ausgeprägt pragmatischer Kurs durchsetzte und man sogar Ăźberlegte, an den wegen des Dreiklassenwahlrechts verpĂśnten preuĂischen Landtagswahlen teilzunehmen. 1898 verlieĂ er die Schweiz wieder und kehrte nach Bielefeld zurĂźck.
Aufstieg in der Bielefelder Arbeiterbewegung
Nach der Rßckkehr aus der Schweiz heiratete Severing eine entfernte Verwandte (Emma Wilhelmine Twelker), die von ihm ein Kind erwartete. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. Das Verhältnis der Ehepartner zueinander entsprach den damaligen, eher kleinbßrgerlich-patriarchalischen Verhaltensweisen. Die Frau blieb als Hausfrau ganz auf die Familie verwiesen. Severings traditionelles Rollenverständnis von Mann und Frau zeigte sich beispielsweise beim Studienbeginn seiner Tochter: Er erlaubte ihr zwar die Aufnahme eines Medizinstudiums, meinte aber, sie wßrde ohnehin nach ein paar Semestern aufgeben und heiraten.cite-ref-6[6]
Unmittelbar nach der RĂźckkehr engagierte er sich wieder in der regionalen Arbeiterbewegung.cite-ref-7[7] Vor den Bielefelder Sozialdemokraten hielt er 1899 einen ersten Vortrag, der sich mit der mangelhaften Volksschulbildung auseinandersetzte. Dagegen propagierte er Selbstbildung und UnterstĂźtzung durch sozialdemokratisch orientierte Organisationen. Lebendige Bildungsveranstaltungen hätten zudem mehr Anziehungskraft als trockene politische Vorträge.cite-ref-8[8] Mit seinen damals radikalen Ansichten blieb er innerparteilich weitgehend isoliert. So gelang es ihm nicht, den Bezirk Ostwestfalen zu einer Verurteilung der âRevisionistenâ um Eduard Bernstein zu bewegen.
Aufgrund des mangelnden RĂźckhalts in der Partei verlagerte sich der Schwerpunkt von Severings Tätigkeit auf die Gewerkschaftsarbeit. In diesem Bereich stieg er rasch auf und wurde 1901 GeschäftsfĂźhrer des Ortsverbandes des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Ăśrtliche Gewerkschaft lediglich etwa 1300 Mitglieder, dies entsprach einem Organisationsgrad von etwa 30 %. In Severings Amtszeit nahm die Mitgliederzahl um das Sechsfache zu, dies war deutlich hĂśher als der Anstieg auf Reichsebene. Bereits 1906 lag der Organisationsgrad bei 75 %. Zu seinem Erfolg trug die EinfĂźhrung eines Vertrauensmännersystems bei. Dieses System garantierte die Nähe zu den Sorgen und NĂśten der Mitglieder. Severings Basisnähe war ein Grund fĂźr seine Beliebtheit bei den Bielefelder Arbeitern. Er ging bei seinen AgitationsmaĂnahmen auch damals ungewohnte Wege. Werbewirksam erwies sich etwa ein von ihm zum zehnjährigen Jubiläum organisiertes Orchesterkonzert, das 2000 Besucher anlockte.cite-ref-9[9]
Von seiner Basis in der Metallarbeiterbewegung ausgehend dehnte Severing seinen Einflussbereich gegen heftigen Widerstand anderer Verbände auf die gesamte Gewerkschaftsorganisation in Bielefeld aus. Spätestens 1906 war er die zentrale Person in der Arbeiterbewegung der Stadt. In den Jahren 1906 und 1910 erreichte Severing ohne Streik Erfolge fĂźr die Arbeiter. Erst 1911 kam es zu einer grĂśĂeren Arbeitsniederlegung, die ebenfalls erfolgreich verlief. 1912 gab er seinen Posten im DMV auf.
In den Jahren vorwiegend gewerkschaftlicher Tätigkeit wandelte sich Severings politische Auffassung deutlich. Revolutionäre Positionen wurden abgelĂśst von einem ausgeprägten Pragmatismus, der innerparteilich nicht selten als ârechtsâ galt. Sein Ziel war nicht mehr die âDiktatur des Proletariatsâ, sondern die Integration der Arbeiter in die Gesellschaft. Insofern näherte er sich den einst bekämpften revisionistischen Positionen an.
Severings Position in kulturellen Fragen war durchaus typisch fĂźr die Arbeiterbewegung des Kaiserreichs. Einerseits wurde die bĂźrgerliche Kultur kritisiert, andererseits orientierte man sich letztlich doch an ihr. FĂźr Severing war die Bildung der deutschen Kultur im Kern mit der Klassik abgeschlossen. Gotthold Ephraim Lessing habe den âUmbauâ der Kuppel geformt, während Johann Wolfgang von Goethe darĂźber die âKuppelâ gewĂślbt habe.cite-ref-10[10] Severing selber verfasste zeit seines Lebens Gedichte. Sie wurden in der Volkswacht und nach dem Zweiten Weltkrieg in der Freien Presse abgedruckt. 1905 bildeten Männer und Frauen aus dem gewerkschaftlichen und sozialdemokratischen Umfeld unter seiner FederfĂźhrung die Theaterbesuchergemeinschaft âFreie VolksbĂźhne Bielefeldâ. Sie war die zweite Organisation ihrer Art in Deutschland. Mit ihrer Mitgliedschaft erwarben die Arbeiter ein Abonnement, das ihnen ermĂśglichte, kostengĂźnstig Theater- oder KonzertauffĂźhrungen zu besuchen. Dieser Organisation blieb Severing verbunden und gehĂśrte 1947 als ein âMann der ersten Stundeâ zu den WiederbegrĂźndern der VolksbĂźhne.cite-ref-11[11]
Politik seit 1903
Severings Einfluss auf die Bielefelder Arbeiterbewegung beruhte während des Kaiserreichs vor allem auf seinem gewerkschaftlichen Erfolg. Durch die âVergewerkschaftung der Parteiâ (Karl Ditt)cite-ref-12[12] war sein indirekter Einfluss Ăźber enge Mitarbeiter auf die Partei groĂ genug, um selbst auf leitende Positionen in ihr verzichten zu kĂśnnen.
Wichtiger war ihm die allgemeine parlamentarische MitsprachemĂśglichkeit. Das erste Mal kandidierte er bei der Reichstagswahl 1903 fĂźr ein Reichstagsmandat, diesmal noch an aussichtsloser Stelle, auch wenn es zu einer starken Steigerung sozialdemokratischer Stimmen gekommen war. Severing war von 1905 bis 1924 Stadtverordneter in Bielefeld. Die dritte Abteilung der Stadtverordnetenversammlung wurde seither von den Sozialdemokraten dominiert. Innerhalb der Fraktion Ăźbernahm Severing rasch FĂźhrungsfunktionen. Die bisher eher ruhige Versammlung von Honoratioren wurde seither deutlich politischer, da Severing dort offen die Missstände in der Stadt ansprach. Von der bĂźrgerlichen Presse wurde Severings Rolle durchaus gewĂźrdigt: âEr ist vielleicht die interessanteste Erscheinung der Bielefelder Sozialdemokratie Ăźberhaupt. Ungemein fleiĂig, ungemein belesen, hat er dem Metallarbeiterverband den Stempel des Individuellen aufgedrĂźckt. Als Redner verbindet er Schärfe mit Begeisterung. Dem Manne folgen die Massen.âcite-ref-13[13]
Bei der Reichstagswahl 1907 wurde er im Wahlkreis Minden 3 (Bielefeld â WiedenbrĂźck) in einem Stichwahlentscheid mit Hilfe der Stimmen der Zentrumswähler mit 2000 Stimmen Vorsprung gegen den nationalliberalen Kandidaten, den Staatsminister Theodor von MĂśller, erstmals in den Reichstag gewählt.cite-ref-14[14] Sein Erfolg kontrastierte mit dem Reichstrend: Die SPD verlor reichsweit bei diesen sogenannten âHottentottenwahlenâ, als âReichsfeindeâ gebrandmarkt, erheblich an Wählern und Mandaten.
Mit diesem Sieg stieg das Ansehen der Bielefelder Sozialdemokraten in der Gesamtpartei und Severing rĂźckte in den engeren Kreis der Entscheidungsträger auf. Innerhalb der Reichstagsfraktion war er der jĂźngste Abgeordnete. Angesichts seiner gewerkschaftlichen Vergangenheit und seiner mittlerweile reformistischen Grundeinstellung schloss er sich SPD-Abgeordneten an, die ebenfalls aus der Gewerkschaftsbewegung kamen. Dazu gehĂśrten etwa Carl Legien oder Otto Hue, später stand er auch in Kontakt mit Sozialdemokraten, die Ăźber einen bĂźrgerlichen Hintergrund verfĂźgten, wie Eduard David, Wolfgang Heine und insbesondere Ludwig Frank. Innerhalb der Fraktion entwickelte sich Severing zu einem gefragten Debattenredner im Plenum und einem sachkundigen Mitglied zahlreicher AusschĂźsse. Dabei lag ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit auf der Sozialpolitik. In diese Zeit fällt auch der Beginn regelmäĂiger VerĂśffentlichungen im Theorieorgan der Revisionisten, den Sozialistischen Monatsheften. Daneben schrieb er regelmäĂig fĂźr die Bielefelder Volkswacht Ăźber seine Berliner Tätigkeit oder auch Ăźber seine Teilnahme an internationalen Kongressen der Metallarbeiter in BrĂźssel (1907) und Birmingham (1907). Auch am Internationalen Arbeiter- und Sozialistenkongress (1910) sowie am Internationalen Sozialistenkongress in Stuttgart (1907) hatte Severing teilgenommen.cite-ref-15[15]
Severing wurde einer breiten Ăffentlichkeit bekannt, als er 1910 in einer Reichstagsrede UnregelmäĂigkeiten auf den kaiserlichen Werften in Kiel und in Danzig publik machte und einen gegenteiligen Bericht einer Marinezeitung als erlogen bezeichnete. Nach tumultartigen Szenen reagierte er auf einen Ordnungsruf des Reichstagspräsidenten mit den Worten: âHerr Präsident, ich meine, eine Ratte ist eine Ratte, und ein LĂźgner ist ein LĂźgner.âcite-ref-16[16]
Der Wahlkampf von 1912 wurde der bislang schärfste und polemischste im Wahlkreis Bielefeld-Wiedenbrßck. Alle Seiten betrachteten ihn als eine Prestigeangelegenheit. Der Gegenkandidat von Severing war Arthur von Posadowsky-Wehner. Dieser Konservative hatte (als Innenminister im Kabinett Bßlow) bis Mitte 1907 weitgehend die Innen- und Sozialpolitik des Reiches bestimmt und trat als gemeinsamer Kandidat von Zentrum, Nationalliberalen und Konservativen an. Beide Kandidaten lagen im ersten Wahlgang gleichauf. Posadowsky gewann die Stichwahl, weil die Basis der linksliberalen Fortschrittspartei entgegen dem Votum ihrer Parteifßhrung nicht fßr Severing stimmte.
Der Verlust des Reichstagsmandats bedeutete nicht, dass Severing seinen Einfluss in der Partei verlor. Er blieb vielmehr einer der einflussreichsten âProvinzfĂźrstenâ und spielte eine wichtige Rolle im sogenannten âParteiausschussâ, einem Gremium, das neben Vorstand und Reichstagsfraktion den Einfluss der Bezirke auf die Gesamtpartei vertreten sollte.
Ebenfalls im Jahr 1912 gab Severing seine Position beim DMV auf. Hinter den Kulissen agierte er zwar immer noch als starker Mann der Bielefelder Gewerkschaftsbewegung, suchte aber zugleich neue Aufgaben jenseits der gewerkschaftlichen Kleinarbeit. Von 1912 bis 1919 war er Redakteur und faktischer Leiter der sozialdemokratischen Tageszeitung Volkswacht in Bielefeld.
Erster Weltkrieg
KriegsbefĂźrworter
Kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges fand auch in Bielefeld eine groĂe Antikriegsdemonstration statt. Bereits dort sprach Severing sich schon vorsichtig fĂźr die sozialdemokratische UnterstĂźtzung eines als Verteidigungskrieg gedeuteten Konfliktes aus. Am 1. August 1914 wurde er deutlicher: âSind aber die WĂźrfel gefallen, dann gibt es auch fĂźr die Sozialdemokratie nur ein Ziel: das deutsche Volk mit allen Mitteln gegen machthungrige AnsprĂźche des âFriedenszarenâ zu schĂźtzen.â Und nach Kriegsbeginn am 4. August schrieb er âInter arma silent leges! (âŚ) Der Krieg ist da und wir haben uns zu wehren.âcite-ref-17[17] Zur Legitimation der Bewilligung der Kriegskredite griff Severing auf ĂuĂerungen von Ferdinand Lassalle und August Bebel zurĂźck. Dass er wie Ludwig Frank in der Kriegspolitik ein Mittel sah, um die gesellschaftliche Gleichberechtigung der Arbeiter und längst Ăźberfällige Reformen durchzusetzen, ist wegen seiner Nähe zu Frank und Wilhelm Keil wahrscheinlich.cite-ref-18[18]
Auf der Linie der KriegsbefĂźrworter blieb er auch in den folgenden Jahren und griff den Kriegsgegner Karl Liebknecht 1916 mit teils falschen und polemischen Anschuldigungen an. Im Parteiausschuss sprach Severing 1915 Hugo Haase sogar das Recht ab, seine kritische Haltung zu äuĂern.cite-ref-19[19]
Severing gelang es, gestĂźtzt auf die regionale sozialdemokratische Presse, die SPD Bielefeld-WiedenbrĂźck auf den Kurs der Parteimehrheit um Friedrich Ebert einzuschwĂśren. Als im Januar 1917 die Trennung der Parteimehrheit von den Kritikern bevorstand, war Severing einer der entschiedensten Verfechter eines klaren Schnitts: âAlle diese gutgemeinten Reden seit zwei Jahren ändern nichts an der Tatsache, dass wir uns auflĂśsen, wenn wir heute nicht die letzten Reste zusammenhalten.âcite-ref-20[20]
Während in anderen Teilen des Rheinlands und Westfalens die neue USPD eine bedeutende und teils dominierende Rolle spielte, konnte sie in Ostwestfalen kaum Fuà fassen.cite-ref-21[21]
Burgfriedenspolitik
Die Burgfriedenspolitik der Bielefelder SPD fĂźhrte dazu, dass die Anhänger der Partei auf kommunaler Ebene anerkannt wurden. Severing selbst wurde Deputierter der Schulkommission. Wichtiger noch war, dass Severing in einen informellen Gesprächskreis Bielefelder Honoratioren um Albert Bozi aufgenommen wurde, in dem im Vorfeld kommunalpolitischer Entscheidungen wichtige Probleme besprochen, aber auch Konzepte fĂźr die Nachkriegszeit entwickelt wurden. So gab Bozi zusammen mit dem sozialdemokratischen Anwalt Hugo Heinemann ein Werk mit dem Titel: âRecht, Verwaltung und Politik im neuen Deutschlandâ heraus, in dem auch Beiträge von Severing erschienen. Aus diesem Kreis ging während der Revolution von 1918 ein âsozialpolitischer Arbeitskreisâ von Arbeitgebern und Arbeitnehmern hervor. Diesem Gremium ging es darum, Konflikte ohne Streiks mĂśglichst im Vorfeld zu verhindern. Der Versuch Severings, dieses Bielefelder Beispiel auf andere Städte zu Ăźbertragen, hatte allerdings keinen Erfolg.
Severing wurde während des Krieges zu einem gleichberechtigten Teil des bislang ausschlieĂlich bĂźrgerlich geprägten Bielefelder Establishments. Gemeinsam mit BĂźrgerlichen rief er noch 1917 zur Zeichnung von Kriegsanleihen auf.cite-ref-22[22]
Wahlrechtskampagne, Friedensresolution und Kriegsende
Während fĂźr Severing auf kommunaler Ebene die Burgfriedenspolitik insgesamt erfolgreich war, brachte sie auf Reichsebene nur langsam Veränderungen zu Gunsten der Arbeiter mit sich. Dies gilt etwa fĂźr die Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts in PreuĂen. Nach der Osterbotschaft Wilhelm II. vom April 1917 brachte die SPD-Fraktion in der Bielefelder Stadtverordnetenversammlung eine Resolution durch, die fĂźr Veränderungen eintrat. Daneben wurden die Arbeiter zu einer Massenversammlung aufgerufen, auf der Severing sprach.cite-ref-23[23]
Trotz grundsätzlicher Zustimmung zum Burgfrieden kritisierten Severing und andere Bielefelder Sozialdemokraten auf groĂen Volksversammlungen immer wieder Kriegsgewinnler, âSchieberâ und die Unfähigkeit der BehĂśrden bei der Bekämpfung der immer spĂźrbarer werdenden Not der BevĂślkerung. Den Eingriff der Regierung in den freien Markt sah Severing als âKriegssozialismusâ an. Er forderte, auf diesem Weg weiter zu gehen. âNicht weniger, sondern mehr Sozialismus muss die Parole der Zukunft sein.âcite-ref-24[24]
Obwohl er noch kurz zuvor zur Zeichnung von Kriegsanleihen aufgerufen hatte, begrĂźĂte Severing die Friedensresolution von 1917. Er sah in ihr auch einen Schritt hin zu einem demokratischen System und zur Zusammenarbeit mit anderen Parteien. Er bilanzierte auf einer auĂerordentlichen Bezirkskonferenz der SPD: âWir kamen aus dem Turm heraus, das war die groĂe Bedeutung des Tages.âcite-ref-25[25]
Als in Brest-Litowsk ein Diktatfrieden mit dem neuen bolschewistischen Russland abgeschlossen worden war, der in deutlichem Gegensatz zum in der Friedensresolution geforderten Verständigungsfrieden stand, organisierte Severing in Bielefeld groĂe Demonstrationen. Wie in anderen Orten des Reiches kam es auch in Bielefeld im Januar 1918 zu politisch motivierten Streiks. Auch hier stellte sich die SPD an die Spitze der Bewegung, um diese in gemäĂigte Bahnen zu lenken. Nach nur zwei Tagen waren die Arbeitsniederlegungen beendet. Friedrich Ebert bezeichnete das Vorgehen Severings als Vorbild fĂźr das gesamte Reich.cite-ref-26[26]
In den letzten Tagen und Wochen vor der Revolution verhielt sich Severing sehr widersprĂźchlich. Am 17. Oktober 1918 rief er noch einmal Ăśffentlich zur Zeichnung von Kriegsanleihen auf, am 27. Oktober sprach er allerdings ganz anders. âMan hat meine opportunistische Politik oft als âBremsenâ bezeichnet, aber ich hielte diese Politik fĂźr durchaus vereinbar, wenn ich mich allem widersetzte, was eine ungesetzliche Macht einer unverantwortlichen Militärkamarilla anordnen wĂźrde. Ich wĂźrde mich an die Spitze einer Bewegung stellen, die die offene EmpĂśrung gegen einen Krieg der Militärs organisierte. âBiegen oder Brechen,â hieĂe dann die Parole.âcite-ref-27[27] Die Rede korrespondierte mit der Umorientierung der Politik der Sozialdemokratie, die einige Tage später den RĂźcktritt des Kaisers forderte.
Novemberrevolution
Nicht zuletzt durch die enge Einbindung der SPD in die Kommunalpolitik vollzog sich die Novemberrevolution vĂśllig reibungslos, und Bielefeld galt in dieser Zeit als die ruhigste Industriestadt Deutschlands. Als Severing am 8. November von der beginnenden Revolution erfuhr, war er entschlossen, das Heft des Handelns in der Hand zu behalten. In Bielefeld entstand bezeichnenderweise kein Arbeiter- und Soldatenrat, sondern ein Volks- und Soldatenrat. Auch wenn dahinter die SPD und die Gewerkschaften standen, machte dies die Ăffnung gegenĂźber anderen sozialen Gruppen deutlich. Als am selben Tag bewaffnete auswärtige Matrosen gewaltsam versuchten, das Gefängnis zu stĂźrmen, gelang es Severing, die Menge zu beruhigen.
Einen Tag später kam es zu Verhandlungen mit den BehĂśrden. Das von Severing konzipierte Programm des Volks- und Soldatenrates zielte allein auf Aufrechterhaltung der Ăśffentlichen Ordnung und Sicherstellung der Versorgung ab, politische AnsprĂźche waren damit nicht verbunden. Am 17. November wählte der Volks- und Soldatenrat einen Vollzugsausschuss, der je zu einem Drittel aus Arbeitern, Angestellten und Vertretern des BĂźrgertums bestand. Severing agierte dabei aus der wichtigen Stellung des Verantwortlichen fĂźr den Sicherheitsdienst heraus und hatte zusammen mit einem Gewerkschafter den Gesamtvorsitz inne. FĂźr die weitere Entwicklung des Rates war er die entscheidende PersĂśnlichkeit. Die Bielefelder Räteorganisation wurde zur Koordinierungsinstanz fĂźr ganz Ostwestfalen und Lippe. Die Mehrheit folgte dabei Severings gemäĂigtem Kurs. Er wurde als Delegierter zum I. Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte in Berlin gewählt. Dort war er einer der drei Vorsitzenden der MSPD-Fraktion.cite-ref-28[28] Obwohl er grundsätzlich die Politik Eberts unterstĂźtzte, brachte Severing zusammen mit Hermann LĂźdemann den Antrag auf die Sozialisierung aller dafĂźr reifen Industrien ein und handelte damit gegen die Absichten Eberts.cite-ref-29[29] Dennoch hat Severing in starkem MaĂe dazu beigetragen, dass die Linie der Mehrheitssozialdemokraten sich insgesamt durchsetzen konnte.cite-ref-30[30]
Die renommierte Vossische Zeitung zeigte sich beeindruckt davon, wie Severing mit den Delegierten, unter ihnen âDutzende wilde Männer, Soldaten mit kriegszerĂźtteten Nerven, Schaum vor dem Mund, lallend vor Aufregungâ, umging. âInmitten dieser Gärung, diesem Sturm und Aufruhr, wehrlos unter den Gewalttätigen: ein kleiner, unscheinbarer, schweigsamer Mann, mit den Händen eines Arbeiters, der Stirn eines Gelehrten, den Augen eines Gläubigen: Carl Severing, damals noch ein unbekannter ArbeiterfĂźhrer aus Bielefeld, aber der Vertreter von vier Jahrzehnten gewerkschaftlicher Disziplin, Verantwortungsfreudigkeit, NĂźchternheit und Gemeingeist.âcite-ref-31[31]
Weimarer Republik
Parlamentarische Tätigkeit zu Beginn der Republik
Severing gehĂśrte 1919/20 der Weimarer Nationalversammlung an. AnschlieĂend war er bis 1933 erneut Reichstagsabgeordneter. Daneben gehĂśrte er von 1919 bis 1933 auch dem PreuĂischen Landtag an.
Bei der Bildung der Weimarer Koalition spielte Severing als BefĂźrworter eines BĂźndnisses von MSPD, bĂźrgerlichen Demokraten und Zentrum als einer der VerhandlungsfĂźhrer der MSPD zusammen mit Paul LĂśbe eine bedeutende Rolle. Es war insbesondere Severings Verhandlungsgeschick zu verdanken, dass sich auch die Zentrumspartei an der Koalitionsregierung beteiligte.cite-ref-32[32]
In der deutschen Nationalversammlung setzte er sich fĂźr die Annahme des Versailler Vertrages ein, weil er der Ansicht war, dass die bei einer eventuellen Ablehnung drohenden Opfer nicht zu rechtfertigen seien.cite-ref-33[33]
Reichs- und Staatskommissar im Ruhrgebiet
Im Ruhrgebiet hatten die Gewerkschaften und die MSPD erheblich an Einfluss zugunsten der USPD und der KPD verloren. Die sich dort Anfang 1919 ausbreitende Sozialisierungsbewegung, an der alle Arbeiterparteien beteiligt waren, verfolgte das Ziel, eine Sozialisierung des Bergbaus durchzusetzen. Im Verlauf des Ausstandes bildete sich mit der Allgemeinen Bergarbeiter-Union ein syndikalistischer Verband.
Als Reichs- und Staatskommissar erhielt Severing die Aufgabe, die Lage zu entspannen. Die Reichs- wie auch die preuĂische Regierung verband damit die Absicht, dem Befehlshaber des Generalkommandos in MĂźnster, General Oskar von Watter, einen Politiker beizugeben, der den Einsatz von Gewalt mĂśglichst minimieren sollte. In seinem Aufruf vom 8. April lieĂ Severing verlauten, er wolle als âArbeitervertreter zu den Arbeitern reden und als Arbeiter fĂźr die Arbeiter handeln.â Die von ihm getroffenen Entscheidungen zielten nicht in erster Linie auf gewaltsame UnterdrĂźckung ab, sondern waren der Versuch einer Verständigung mit den streikenden Arbeitern und der Abstellung vorhandener Härten und Missstände. Gewalt solle nur dort angewandt werden, wo diese provoziert wĂźrde.cite-ref-referencea-34-0[34] Den Streik konnte er rasch unter Einsatz sowohl von Repressionen wie auch Verhandlungen beilegen. Eine Anordnung sah die Zwangsverpflichtung aller arbeitsfähigen Männer zu Notstandsarbeiten vor. AuĂerdem lieĂ er die âRädelsfĂźhrerâ des Streiks verhaften. Auf der anderen Seite erhielten Arbeitswillige Sonderrationen. In Verhandlungen wurde den Bergarbeitern die Siebenstundenschicht zugestanden, und daraufhin begann die Streikfront zusammenzubrechen.cite-ref-referencea-34-1[34]
Auch als die eigentliche Aufgabe erfĂźllt war, blieb Severing im Amt. Er sollte zur dauerhaften Beruhigung der Lage im Revier beitragen. Er versuchte insbesondere die Versorgungslage zu verbessern. Die preuĂische Regierung schätzte ihn mittlerweile als Krisenmanager. VorĂźbergehend entsandte sie ihn nach Oberschlesien. AuĂerdem wurden seine Kompetenzen Ăźber das enge Ruhrgebiet auf weitere angrenzende Regionen ausgedehnt. UnterstĂźtzt von Ernst Mehlich und Fritz Husemann hat Severing zahlreiche Konflikte zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern geschlichtet.cite-ref-35[35]
Obwohl er sich auch fĂźr die Bielefelder Arbeiter einsetzte, verlor Severing ausgerechnet auf seinem heimischen Terrain zeitweise die Kontrolle. Als dort im Juni 1919 Unruhen ausbrachen, musste er fliehen und sah sich gezwungen, den Belagerungszustand Ăźber die Stadt zu verhängen. Insbesondere diese MaĂnahmen fĂźhrten zu Konflikten mit der Bielefelder SPD.cite-ref-36[36]
Von Anfang an gab es ferner Kompetenzstreitigkeiten mit den Militärs, insbesondere mit General von Watter. Um dessen teilweise eigenmächtiges Vorgehen besser kontrollieren zu kÜnnen, verlegte Severing seinen Dienstsitz von Dortmund nach Mßnster.cite-ref-37[37]
Im Wesentlichen blieb die Lage im Revier bis Anfang 1920 ruhig. Als sie sich durch einen Eisenbahnerstreik und Bergarbeiterstreiks wieder verschärfte, ging Severing mit repressiven MaĂnahmen dagegen vor. Dazu gehĂśrte unter anderem die Entlassung streikender Eisenbahner. Auch gegen den Versuch der Syndikalisten, Sechsstundenschichten im Bergbau zu erzwingen, ging er ähnlich vor. Gegen die Kohlekrise im Reich setzte er zudem Ăberschichten durch. Im Gegenzug setzte er sich fĂźr eine bessere Versorgung und Bezahlung ein.
Die Mehrheitssozialdemokraten erkannten Severings BemĂźhungen zur Normalisierung der Lage im rheinisch-westfälischen Industriegebiet auf dem Parteitag von 1919 ausdrĂźcklich an. Dabei spielte es eine Rolle, dass Severing â anders als Gustav Noske â sich gegen das Militär durchzusetzen verstand.cite-ref-38[38]
Kapp-Putsch 1920 und Ruhrkampf
Die erste wirklich ernste Bedrohung der Republik ging im Kapp-Putsch von der politischen Rechten aus. Unter den Putschisten gab es einige, die letztlich ohne Erfolg dafĂźr eintraten, rechte Sozialdemokraten wie Severing an der neuen Regierung zu beteiligen.cite-ref-39[39] Severing selbst befand sich zu Beginn des Putsches in Ostwestfalen und organisierte dort den Widerstand. Er stellte sich zusammen mit dem Oberpräsidenten der Provinz Westfalen Bernhard Wuermeling eindeutig auf Seiten der rechtmäĂigen Regierung. General Watter verweigerte jedoch die Unterschrift unter einen entsprechenden Aufruf und stand insgeheim Kapp nahe. Im Ruhrgebiet entwickelte sich aus dem Generalstreik gegen den Kapp-Putsch eine allgemeine Aufstandsbewegung, die sich gegen Watter und die ihm unterstellten Freikorps richtete. Zeitweilig konnte sich eine Rote Ruhrarmee gegen die Freikorps durchsetzen. Erst nach der Niederlage seiner Truppen bekannte sich Watter am 16. März 1920 zur verfassungsmäĂigen Regierung.
Der Aufruf Severings vom 21. März, nach der Niederlage Kapps wieder an die Arbeit zurĂźckzukehren, wurde von den Streikenden nicht beachtet. Dabei spielte nicht nur die Gegnerschaft gegenĂźber den Freikorps und Watter eine Rolle, verschärfend wirkten auch die Erinnerungen an die von Severing verantworteten ZwangsmaĂnahmen.
Die Rote Ruhrarmee beherrschte inzwischen das gesamte Ruhrgebiet und stand vor Wesel. Dabei gab es Unstimmigkeiten zwischen der gemäĂigten Zentralleitung in Hagen und den radikalen Kräften im Westen. Die beiden Regierungen in Berlin wollten zu diesem Zeitpunkt gegen die Aufständischen nicht mit vollem Einsatz der Armee antworten. Severing hatte deutlich gemacht, dass die Bewegung nicht allein mit militärischen Mitteln zu beenden sei.cite-ref-40[40] Zunächst sollte versucht werden, eine VerhandlungslĂśsung zu finden. Zu diesem Zweck vermittelte Severing das sogenannte Bielefelder Abkommen. Das Abkommen litt aber an verschiedenen Defiziten. So wurden weder Vertreter der radikalen Räte des Westens noch Vertreter der Roten Ruhrarmee eingeladen. Sprecher der KPD und USPD, die fĂźr diese zu sprechen vorgaben, waren durch nichts legitimiert. Auf der anderen Seite war das Militär nur unzureichend in die Absprachen eingebunden und fĂźhlte sich nicht daran gebunden. Die AblĂśsung General Watters, die vielfach auch aus den Reihen der SPD gefordert wurde, lehnte Severing ab, da es zu ihm keine Alternative gäbe und sich alle Offiziere seines Wehrkreises mit ihm solidarisiert hätten.cite-ref-41[41] Durch die Zugeständnisse an die Streikenden erkannten auch die Regierungen in Berlin die Abmachungen nicht wirklich an und begannen Severings Befriedungsversuche zu hintertreiben.
Das Abkommen war daher auch nur teilweise erfolgreich. Als Erfolg konnte er eine Spaltung der Bewegung vermelden. Die gemäĂigten Kräfte aus dem Umfeld der Gewerkschaften, der MSPD, der Demokraten und des Zentrums rĂźckten bald von der Ruhrarmee ab, weil diese sich von dem ursprĂźnglichen Ziel, die Verfassung zu schĂźtzen, entfernt hatte.cite-ref-42[42] In anderen Teilen, vor allem im Westen, wurden die Kämpfe fortgesetzt. Daraufhin kam es doch zu einem Einmarsch von Reichswehr und Freikorps im Ruhrgebiet. Eine Alternative zum militärischen Eingreifen sah schlieĂlich auch Severing nicht mehr. Er forderte sogar die Reichsregierung auf, bei den Alliierten die Erlaubnis fĂźr den Einmarsch in die entmilitarisierte Zone zu erwirken. Ihm ging es nicht mehr darum, die Reichswehr fernzuhalten, sondern darum, unnĂśtiges BlutvergieĂen zu verhindern.cite-ref-43[43] Dabei agierte General Watter weitgehend ohne Absprache mit Severing. So verschärfte dieser ein von der Regierung verhängtes Ultimatum zur Entwaffnung der Ruhrarmee derartig, dass die Aufständischen keine MĂśglichkeit mehr hatten, den Auflagen nachzukommen. In der Folge marschierten Reichswehr und Freikorps auf Befehl von Hans von Seeckt. Der Einmarsch der Truppen war begleitet von Misshandlungen und TĂśtungen zahlreicher Aufständischer. Severing versuchte nun, den âWeiĂen Terrorâ mĂśglichst zu beenden. Erst spät gelang es ihm, die Praxis der standrechtlichen ErschieĂungen abstellen zu lassen. FĂźr Severing war spätestens seit diesem Zeitpunkt klar, dass die Armee fĂźr die Aufrechterhaltung der inneren Ordnung ungeeignet sei, da ihr Einsatz den Unmut in der BevĂślkerung noch steigerte.cite-ref-44[44]
Beginn des Systems Severing in PreuĂen
Nach dem Kapp-Putsch kam es im Reich wie auch in PreuĂen zu Wechseln in der Regierung. In der preuĂischen Regierung stand Innenminister Wolfgang Heine in der Kritik. Dieser hatte kaum Willen gezeigt, die BĂźrokratie im Sinne der Republik zu modernisieren, und hatte sogar einige Putschanhänger in fĂźhrende Positionen gebracht. Heine trat unmittelbar nach dem Putsch von seinem Amt zurĂźck. Zu den neuen Personen an der Spitze gehĂśrten Otto Braun als Ministerpräsident, Hermann LĂźdemann als Finanzminister und Severing als Innenminister. Die neuen Männer betrieben keine linkere Politik als ihre Amtsvorgänger, unterschieden sich von ihnen aber durch eine grĂśĂere Zielklarheit und Energie ihrer Politik.cite-ref-45[45] Zu Severings Aufgaben gehĂśrte unter anderem die Kontrolle der Verwaltung sowie der Polizei. In PreuĂen hatte der Innenminister neben dem Ministerpräsidenten die meisten Befugnisse. Zentrale Aufgabe Severings wurde die Republikanisierung von Verwaltung und Polizei.
Offiziell ernannt wurde Severing zwar schon am 29. März 1920; weil er aber noch mit der Abwicklung seiner Geschäfte im Ruhrgebiet beschäftigt war, nahm er erst Mitte April an einer preuĂischen Kabinettssitzung teil. Im Ministerium gelang es Severing von Beginn an, fĂźhrende Beamte fĂźr sich einzunehmen. Dazu zählte zunächst insbesondere Staatssekretär Friedrich Freund (DDP) und Friedrich Wilhelm Meister (DVP), später Nachfolger Freunds. Insbesondere die Leitung der Personalabteilung wurde sofort von Severing ausgetauscht. Fritz Mooshake (DVP) und Heinrich Brand (Zentrumspartei) Ăźbernahmen diese Aufgabe.cite-ref-46[46]
Zu den Aufgaben Severings in der Anfangszeit seiner Ministertätigkeit zählte auch die politische Umsetzung des insbesondere von Bill Drews und Friedrich Freund ausgearbeiteten Entwurf fĂźr eine neue preuĂische Verfassung. Allerdings stammte der Entwurf noch aus der Amtszeit Heines; Severing trat daher bei der Gestaltung der Verfassung kaum noch in Erscheinung.cite-ref-47[47]
Republikanisierung der Verwaltung
Am Anfang seiner MaĂnahmen zur Republikanisierung der Verwaltung stand die zur Dispositionstellung derjenigen Beamten, die sich den Putschisten angeschlossen oder mit ihnen offen sympathisiert hatten. Severings Voraussetzung, die er an Beamte stellte, war, dass sie aus Ăberzeugung fĂźr die Demokratie eintreten und diese nicht nur als gegebene Tatsache widerwillig hinnehmen sollten. Aus seiner Sicht musste insbesondere im Bereich der so genannten politischen Beamten, angefangen von den Landräten, Ăźber Regierungs- und Oberpräsidenten bis hin zu hohen Ministerialbeamten und Staatssekretären, ein Wechsel erfolgen. Nach dem Putsch wurden etwa hundert hohe Beamte von ihren Posten entfernt. An ihre Stelle traten Ăźberzeugte Republikaner. Die von den politisch Rechten geforderte Wählbarkeit der Landräte lehnte Severing, wissend um die Stärke der DNVP in den Kreistagen der Ăśstlichen Provinzen, ab. Landratswahlen hätten dort die Position der Rechten noch verstärkt. 1926, am Ende von Severings Amtszeit, waren alle Oberpräsidenten mit einer Ausnahme, alle Regierungspräsidenten und mehr als die Hälfte aller Landratsämter von republikanischen Regierungen ernannt worden. Die Spitzenpositionen wurden dabei fast durchweg von Anhängern der Koalitionsparteien eingenommen. In den Westprovinzen gehĂśrten dazu auch viele Landräte (78 %), im Osten war die Bilanz mit einem Drittel weniger eindrucksvoll.
Bei seinen personalpolitischen MaĂnahmen achtete Severing im Prinzip darauf, nicht nur Sozialdemokraten, sondern Demokraten aus allen politischen Lagern zu berufen. Die Ernennung von Gustav Noske zum Oberpräsidenten war mehr dessen Person als der Partei geschuldet. Allerdings waren die Sozialdemokraten als Polizeipräsidenten deutlich Ăźberrepräsentiert. An der Grundstruktur der preuĂischen Verwaltung hat Severing aus Respekt vor deren Effektivität kaum etwas geändert. Ihm gelang es etwa nicht, das Juristenmonopol zu brechen. Nur wenige Nichtjuristen von auĂen gelangten in FĂźhrungsstellen der Verwaltung.cite-ref-48[48]
Polizeireform 1920
Neben der Demokratisierung der Verwaltung war eine Reform der Polizei wichtigster Faktor des Systems Severing. Er kam in den Jahren nach der Revolution zu der Ăberzeugung, nur eine schlagkräftige Polizeitruppe kĂśnne den Einsatz des Militärs im Inneren bei StĂśrungen der Ăśffentlichen Ordnung verhindern. Auch im Bereich der Polizei und insbesondere der Sicherheitspolizei wurden Anhänger des Kapp-Putsches entlassen.
Die Reorganisation und der Ausbau der Polizei hingen stark von der Zustimmung der ehemaligen Kriegsgegner ab. Gegen deren anfänglichen Widerstand setzte Severing die Verstaatlichung der bislang teilweise kommunalen Polizei und die Einrichtung von Polizeipräsidien und -direktionen durch. 1920 veranlassten die Alliierten dann in der âBoulogner Noteâ die AuflĂśsung der paramilitärischen Einheiten und den Aufbau einer Ordnungspolizei. Von 150.000 Mann sollten allein 85.000 auf PreuĂen entfallen. Als Organisator der neuen Schutzpolizei holte Severing Wilhelm Abegg in das Ministerium. Zwar war die Schutzpolizei ein beachtlicher Machtfaktor, aber die Polizeioffiziere stammten in der Regel aus den Reihen der alten Armee und standen innerlich der Demokratie meist fern. Insofern hatte die innere Republikanisierung der Polizei deutliche Grenzen.cite-ref-49[49] Um dem teilweise entgegenzuwirken, legte Severing groĂen Wert auf die PersĂśnlichkeitsbildung der Polizeibeamten und lieĂ eine Reihe von Polizeischulen errichten.cite-ref-50[50]
Verbot von Schutzwehren und Mitteldeutscher Aufstand
GestĂźtzt auf die neue Polizei konnte Severing bereits seit 1920 darangehen, die Orgesch, Schutzwehren und ähnliche Organisationen zu verbieten und aufzulĂśsen.cite-ref-51[51] Grundsätzlich sah Severing in einem Organisationsverbot nur die ultima ratio im Kampf gegen verfassungsfeindliche Organisationen. Solange diese oder ihre Mitglieder sich nicht aktiv gegen die Republik wandten, schritt er nicht ein. 1921 hob er die Verordnung auf, die es Kommunisten verbot, Ămter in der Staats- und Gemeindeverwaltung zu Ăźbernehmen. FĂźr ihn reichte die bloĂe Mitgliedschaft fĂźr einen Ausschluss nicht aus. Erst wenn radikale Gruppen tatsächlich umstĂźrzlerisch tätig wurden, schritt Severing ein. Dieses abgestufte Verhalten fĂźhrte bei einigen Sozialdemokraten, die häufig ein schärferes Vorgehen wĂźnschten, zu Kritik.cite-ref-52[52]
Noch in Severings erste Amtszeit als Innenminister fiel die Niederschlagung des Mitteldeutschen Aufstandes. Politischer Hintergrund war eine von der Komintern formulierte kommunistische Offensivstrategie, die auf putschistische Aktionen auĂerhalb Russlands abzielte. Unmittelbare Ursache war der Einmarsch der neugebildeten Schupoeinheiten in das mitteldeutsche Industriegebiet. In Unkenntnis der KPD-Pläne wollte Severing damit die Ordnung in dieser seit dem Kapp-Putsch unruhig gebliebenen Region wiederherstellen. Mit dem VorstoĂ der Polizei wollte er dem Einmarsch der Reichswehr zuvorkommen. Die Aktion war gleichzeitig eine Bewährungsprobe fĂźr die neuen Polizeieinheiten. Sie lĂśste den geplanten Putsch nicht aus, sondern sorgte lediglich fĂźr die Vorverlegung.cite-ref-53[53] Es kam zu Kämpfen, bei denen sich die Polizei schnell durchsetzen konnte, zumal es auĂer im Ruhrgebiet und in Hamburg keine Versuche von KPD-Anhängern gab, sich der Aktion anzuschlieĂen. Der Vergleich der Schäden und Opfer zwischen den Kämpfen im Ruhrgebiet 1920 und dem Mitteldeutschen Aufstand bestätigte Severings Auffassung, dass der Einsatz von Polizei dem des Militärs vorzuziehen sei.cite-ref-54[54]
Regierungswechsel und neue Amtszeit
Bereits nach einem Jahr begann man vom System Severing zu sprechen, einem republikanischen PreuĂen. Die Landtagswahlen von 1921 fĂźhrten allerdings zu einer deutlichen Schwächung der SPD. Es kam zur Bildung einer Minderheitsregierung von Zentrum und DDP unter Ministerpräsident Adam Stegerwald. An die Stelle von Severing trat Alexander Dominicus (DDP).cite-ref-55[55]
Severing erholte sich nach dem Ende seines Ministeramtes zunächst von den Anstrengungen der letzten Jahre. Er sprach auch auf einer Massenversammlung in Bielefeld anlässlich der Ermordung von Matthias Erzberger. Da sein Nachfolger nach Severings Ansicht seinen innenpolitischen Kurs zu verlassen begann, plädierte er nun vehement fĂźr groĂe Koalitionen im Reich und in PreuĂen. Eine Voraussetzung dafĂźr war ein Wandel in der SPD selbst. Vor dem GĂśrlitzer Parteitag schrieb Severing: âWill er [der Parteitag] seiner Pflicht gerecht werden, dann mĂźssen seine Debatten nur von dem einen Geist getragen sein: vom Willen zur Macht, vom Mut der Verantwortung.âcite-ref-56[56] Der Parteitag fĂźhrte tatsächlich nicht nur zur Verabschiedung des stark revisionistischen und kurzlebigen GĂśrlitzer Programms, sondern auch zu einem Beschluss, der eine Regierungszusammenarbeit auch mit der DVP ermĂśglichte.
In PreuĂen begannen daraufhin BemĂźhungen, anstelle der Minderheitsregierung Stegerwald eine groĂe Koalition unter Einschluss von SPD und DVP zu bilden. VerhandlungsfĂźhrer dabei war auf Seiten der Sozialdemokraten Severing. Diesem gelang es, die DDP zum Verlassen der bisherigen Regierung zu bewegen. Damit trat am 1. November 1921 die Regierung Stegerwald zurĂźck. Erneut wurden Otto Braun Ministerpräsident und Severing Innenminister. Nach Meinung von Zeitgenossen wie Friedrich Hussong (DNVP) war Severing der eigentliche starke Mann der Regierung. Um dem neuen Koalitionspartner DVP entgegenzukommen, ernannte Severing nach dem Tod von Friedrich Freund Wilhelm Meister zum Staatssekretär. Zwischen beiden gab es durchaus Konflikte, aber es gibt keine Beweise, dass der Staatssekretär Severings Politik hintertrieben hätte.cite-ref-57[57]
Im Gegensatz zum ersten Ministerjahr, als die Kommunisten als die gefährlichsten Feinde der Republik erschienen waren, veränderte sich die Situation insbesondere nach den Anschlägen gegen Scheidemann und Walter Rathenau. Severing nahm nun den Kampf gegen Rechts auf und befand sich dabei im Einklang mit der entsprechenden Notverordnung von Reichskanzler Wirth. In PreuĂen wurden zahlreiche rechte Organisationen verboten. Darunter war 1922 auch der Stahlhelm. Diese Entscheidung wurde indes vom Staatsgerichtshof fĂźr das Deutsche Reich wieder aufgehoben. Der Versuch von Braun und Severing, auch gegen illegale Reichswehreinheiten vorzugehen, scheiterte im Wesentlichen am Widerstand von General von Seeckt. Im Angesicht der politischen Morde gelang es Severing dagegen, gegen den Widerstand des Zentrums weitere hohe Beamte insbesondere in der Provinz Westfalen und der Rheinprovinz auszutauschen.cite-ref-58[58]
Krisenjahr 1923
Die nächste groĂe Herausforderung fĂźr Severing war die Besetzung des Ruhrgebiets durch franzĂśsische Truppen 1923. Severing war einer der eindeutigsten BefĂźrworter des passiven Widerstandes. Dagegen war er Gegner eines von den Rechtsgruppierungen propagierten und vollzogenen aktiven und gewalttätigen Widerstandes. Zum Kampf gegen Rechts gehĂśrte auch Severings Verbot der DeutschvĂślkischen Freiheitspartei am 22. März 1923. In der Folge nahm auf der rechten Seite des politischen Spektrums der Hass gegen Severing zu. Die DNVP versuchte sogar, die DVP mit Verweis auf den Innenminister zum Austritt aus der Koalition zu bewegen â ein letztlich gescheitertes Unterfangen. Die Rechten versuchten zudem, Severing als Verantwortlichen fĂźr den Tod von Leo Schlageter hinzustellen. Im Gegensatz zu den VorwĂźrfen von Rechts und auch von Reichskanzler Wilhelm Cuno ignorierte Severing nicht die linksextremen Gefahren. Dies machte er durch das Verbot der Proletarischen Hundertschaften in PreuĂen deutlich. Gegen die rechten âSchutzformationenâ schloss Severing ein BĂźndnis mit dem Reichswehrchef Hans von Seeckt. Dadurch wurde unter anderem der Aufbau der Schwarzen Reichswehr erleichtert.cite-ref-59[59] Das Ziel der Abgrenzung der Reichswehr von den rechten Verbänden konnte indes nicht erreicht werden. Der passive Widerstand lieĂ sich angesichts der wachsenden Inflation indes nicht länger aufrechterhalten. Die Krise wurde unter der von Gustav Stresemann gefĂźhrten neuen Reichsregierung, an der die SPD anfangs auch auf Bestreben Severings beteiligt war, Ăźberwunden.cite-ref-60[60] Die Beteiligung der SPD endete wegen der geplanten Einschränkung des Achtstundentages. Ein GroĂteil der fĂźhrenden sozialdemokratischen Politiker, insbesondere Paul LĂśbe, sprach sich unter dem Druck der Gewerkschaften fĂźr einen RĂźckzug ihrer Minister aus. Einer der wenigen, die fĂźr ein Verbleiben in der Regierung eintraten, war Severing. Er fĂźrchtete einen Rechtsruck unter einer Regierung ohne sozialdemokratische Beteiligung. Er beschwor seine Partei: âDenkt an die Folgen!âcite-ref-61[61] Auch wenn Severing in der Staatskrise selbst extreme Parteien verboten hatte, war er nach Ăberwindung der akuten Krise zusammen mit Friedrich Ebert dafĂźr, vor den Reichstagswahlen die auf Reichsebene verbotene KPD, NSDAP und DeutschvĂślkische Freiheitspartei wieder zu den Reichstagswahlen von 1924 zuzulassen. Er argumentierte dabei, dass VerbotsmaĂnahmen zu einer Radikalisierung beitragen wĂźrden.cite-ref-62[62]
Minister unter Marx und Braun
Auch in PreuĂen kam es schlieĂlich zu einem Regierungswechsel. Die DVP zog ihre Minister zurĂźck, und am 10. Februar 1925 wurde schlieĂlich Wilhelm Marx (Zentrum) zum neuen Ministerpräsidenten gewählt. Er belieĂ Severing im Amt, in der Hoffnung, so auch die SPD fĂźr die UnterstĂźtzung der Regierung zu gewinnen. Marx scheiterte aber in den eigenen Reihen, auch weil Politiker vom rechten FlĂźgel der Zentrumspartei wie Franz von Papen wegen des Festhaltens an Severing der Regierung die Gefolgschaft verweigerten. Die Krise konnte schlieĂlich durch eine Neuauflage der Regierung Braun Ăźberwunden werden. Auch in dieser war Severing wieder Innenminister.cite-ref-63[63]
Allerdings war er inzwischen amtsmĂźde. Seine Pläne fĂźr eine groĂe Verwaltungsreform, die unter anderem die AuflĂśsung der Bezirksregierungen beinhaltete, scheiterten. Auch im Bereich der Demokratisierung der Verwaltung kam er nicht weiter voran, zumal ähnliche MaĂnahmen auf Reichsebene ausblieben. Hinzu kam, dass sich das persĂśnliche Verhältnis zwischen Braun und Severing verschlechtert hatte. Braun war der Meinung, dass Severing nicht mehr hart genug gegen die Feinde der Republik vorgehen wĂźrde. Er nutzte eine lange Krankheit Severings, um ohne Absprache gegen rechte Politiker und Gruppierungen vorzugehen. Auch Personalentscheidungen im Innenministerium traf er ohne RĂźcksprache mit Severing.cite-ref-64[64] Ein weiterer Aspekt waren die ständigen, teilweise diffamierenden Angriffe der extremen Linken und Rechten. Im Oktober 1925 brachte die DNVP im preuĂischen Landtag ein Misstrauensvotum gegen ihn auf den Weg. In seinem Plenarbeitrag wehrte er sich energisch, was selbst die Neue ZĂźrcher Zeitung zu einem lobenden Kommentar veranlasste. Der Antrag scheiterte, hat aber Severings Selbstvertrauen stark belastet.cite-ref-65[65] AuĂerdem wurde Severing unschuldig in die Affäre eines betrĂźgerischen Geschäftsmanns hineingezogen. GewissermaĂen als KrĂśnung und Abschluss seiner Amtszeit betrachtete Severing die Internationale Polizeiausstellung in Berlin, 1926. Abgesehen von fachlichen Aspekten wollte er dort die erfolgreiche Entwicklung der preuĂischen Polizei von einem Organ des Obrigkeitsstaates hin zu einer Einrichtung des republikanischen Staates präsentieren. Nach einer längeren Krankheit trat er offiziell am 6. Oktober 1926 zurĂźck. Sein Nachfolger wurde Albert Grzesinski.cite-ref-66[66]cite-ref-67[67]
Weg zum Kabinett MĂźller
Zur Wiederherstellung seiner Gesundheit verbrachte Severing nach seinem RĂźcktritt einige Zeit zur Kur in Baden-Baden und hielt sich auch in Italien auf. In dieser Zeit verfasste er seine Erinnerungen an seine Zeit als Regierungskommissar im Ruhrgebiet. Diese wurden unter dem Titel â1919/20 im Wetter- und Watterwinkelâ (1927) ein groĂer Erfolg.
Im Hintergrund warb Severing nunmehr fĂźr die Bildung einer groĂen Koalition auf Reichsebene. Notfalls war er auch bereit, sozialpolitische Reformpolitik zurĂźckzustellen, um die DVP zur Mitarbeit zu gewinnen. Während fĂźhrende sozialdemokratische Politiker wie Hermann MĂźller dies ähnlich sahen, war die Haltung der Partei insgesamt zunächst eher ablehnend. Allerdings gelang es einer Gruppe um ihn, Otto Braun und Rudolf Hilferding, den SPD-Parteitag in Kiel 1927 zu einem Beschluss zu bewegen, in dem eine Eroberung von Machtpositionen auf allen politischen Ebenen angestrebt wurde.
Die Chance, auf Reichsebene wieder Einfluss zu erlangen, bot die Reichstagswahl von 1928. Im Wahlkampf stellte die SPD insbesondere die Ablehnung des Baus des Panzerschiffs A in den Mittelpunkt. Severing, der diese Position selbst nicht teilte, hielt im Reichstag die Grundsatzrede gegen den Neubau. Mit der Parole âKinderspeisung statt Panzerkreuzerâ war die SPD erfolgreich und konnte stark zulegen. Schon vor Bildung der Regierung von Hermann MĂźller war klar, dass Severing Innenminister werden wĂźrde. Er selbst leitete die schwierigen Koalitionsverhandlungen auf Seiten der SPD. Die Versuche, einen formalen Koalitionsvertrag abzuschlieĂen, scheiterten, und so kam zunächst nur eine âRegierung der PersĂśnlichkeitenâ zu Stande.cite-ref-68[68]
Reichsinnenminister 1928â1930
Das Amt des Reichsinnenministers hatte deutlich weniger GestaltungsmĂśglichkeiten als der Posten in PreuĂen, insbesondere da Verwaltung und Polizei weitgehend Ländersache waren. Severing begann die Spitze des Ministeriums im republikanischen Sinne personell umzubesetzen. Hans Menzel als neuer Leiter der Verfassungsabteilung begann in der ReichsbĂźrokratie mit Veränderungen im Sinne einer Demokratisierung. Trotz der persĂśnlichen Unstimmigkeiten mit dem preuĂischen Innenminister Grzesinski arbeiteten PreuĂen und das Reich in der Phase der groĂen Koalition innenpolitisch so intensiv wie nie zusammen.cite-ref-69[69]
Politik bis zur Krise um den Panzerkreuzerbau
Von seinem Vorgänger Walter von Keudell hatte Severing die Vorarbeiten zu einer umfassenden Reichsreform zum Abbau von Kompetenzstreitigkeiten, zur AuflĂśsung kleiner Länder und weitere MaĂnahmen Ăźbernommen. Severing selbst, der am liebsten alle Länder im Reich aufgehen lassen wollte, war skeptisch hinsichtlich der Erfolgsaussichten einer groĂen Reichsreform. Dennoch hat er zusammen mit Arnold Brecht in PreuĂen alles versucht, um das Projekt zu einem Erfolg zu machen. Letztlich scheiterte die Reichsreform insbesondere am Widerstand Bayerns und anderer Länder.cite-ref-70[70]
Severing gehĂśrte wie Ernst Heilmann zu den wenigen Sozialdemokraten, die die politische Bedeutung des Radios erkannt hatten. FĂźr sie sollte der Rundfunk im Sinne von Republik und Demokratie senden. Eine Privatisierung des Rundfunks lehnte er vehement ab. Auf Severing gingen kontroverse Diskussionssendungen im Radio zurĂźck. AuĂerdem baute er die Aufsichtsgremien im Sinne einer grĂśĂeren gesellschaftlichen Pluralität um. All dies fĂźhrte dazu, dass die politische Rechte Severing als âRundfunkdiktatorâ bezeichnete. Eine grundlegende Rundfunkreform, deren Vorarbeiten weit gediehen waren, kam wegen des Endes der Regierung MĂźller nicht mehr zustande. Ein weiterer Aspekt der Medienpolitik Severings war sein Bestreben, ein Monopol des rechten Hugenbergkonzerns im Bereich der Kinowochenschauen zu verhindern. Auf seinen Vorschlag hin erwarb das Reich die Mehrheit am letzten noch unabhängigen Wochenschauproduzenten.cite-ref-71[71]
Die Regierung MĂźller holte schon bald die Frage nach dem Neubau neuer Marineschiffe ein, die bereits im Wahlkampf eine groĂe Rolle gespielt hatte. Die bĂźrgerlichen Koalitionspartner bestanden auf einer Umsetzung der Pläne und drohten mit dem Ende der Koalition. Severing und die Ăźbrigen sozialdemokratischen Minister wollten die Regierung erhalten und stimmten zu. Dies lĂśste in der Partei eine Welle des Unmuts hervor. Severing hat versucht, die Entscheidung der Regierungsmitglieder offensiv zu verteidigen. Aber selbst die Mehrheit der Reichstagsfraktion lieĂ sich nicht Ăźberzeugen. Sie zwang die Regierungsmitglieder in der Abstimmung vielmehr, gegen den eigenen Gesetzesentwurf zu stimmen. Da diese Stimmen nichts an der Annahme des Gesetzes änderten, blieb die Koalition bestehen.cite-ref-72[72]
Die harte Haltung der Unternehmer fĂźhrte 1928/1929 im so genannten Ruhreisenstreit zu einem Konflikt mit den Gewerkschaften und zur Aussperrung der Metallarbeiter im rheinisch-westfälischen Industriegebiet. Die Unternehmerseite brachte, vermittelt Ăźber die DVP, Severing als Vermittler ins Spiel. Bei den Gewerkschaften war Severing anerkannt, einer Sonderschlichtung aber misstrauten sie. Severing nahm die Schlichterrolle unter der Bedingung an, dass beide Seiten im Voraus erklärten, sich seinem Schlichterspruch zu unterwerfen. An frĂźhere SchlichtersprĂźche war er bei seinem Schlichtungsversuch nicht gebunden. Nach einem heftigen Konflikt wurde Severing schlieĂlich auch vom Gewerkschaftslager akzeptiert. Seine Entscheidung fĂźhrte zu etwas geringeren Entgelten der Arbeitnehmer als im Schlichterspruch seines Vorgängers. Beide Seiten waren zwar damit nicht ganz zufrieden, bewerteten ihn jedoch als Erfolg fĂźr ihre Sache.cite-ref-73[73] Vom linken FlĂźgel der SPD kam dagegen scharfe Kritik. Die Leipziger Volksstimme sprach sogar von einem âSevering Skandal.âcite-ref-74[74]
Innerhalb der Partei blieb die Militärpolitik auf der Tagesordnung. Auf dem Parteitag von 1929 kam es zum Streit Ăźber ein âWehrprogrammâ, das von einer Kommission vorgelegt worden war. Dagegen sprach sich insbesondere die linke âKlassenkampfgruppeâ um Paul Levi und andere aus. Diese Gruppe lehnte das Militär kategorisch ab, weil sie es als Mittel zur UnterdrĂźckung der Arbeiterklasse betrachtete. Severing war einer der Hauptredner fĂźr den vorliegenden Antrag. Er warnte davor, ânur ständig die Reichswehr zu bekritteln.â Wer nicht auch das Positive sehe, kĂśnne eine Republikanisierung der Reichswehr nicht erreichen. Durch seine positiv aufgenommene Rede hat Severing dazu beigetragen, eine Mehrheit fĂźr den etwas modifizierten Kommissionsentwurf zu gewinnen.cite-ref-75[75] Der eher rechte FlĂźgel der SPD wurde von Severing auch gefĂśrdert, als er 1929 zur GrĂźndung des neuen Theorieorgans âNeue Blätter fĂźr den Sozialismusâ 5000 M aus einem Regierungsfonds zum Republikschutz beisteuerte. Ohne dieses Kapital wäre das Erscheinen nicht mĂśglich gewesen.cite-ref-76[76]
Gegen die politischen Extreme
Während einer Kabinettskrise, in der das Zentrum seinen Minister Theodor von GuĂŠrard aus der Regierung zurĂźckzog, Ăźbernahm Severing kommissarisch auch dessen Posten als Minister fĂźr die besetzten Gebiete. Nach der RĂźckkehr des Zentrums am 13. April 1929 war die Regierung zunächst gestärkt worden. Gegen den insbesondere von AuĂenminister Gustav Stresemann zustande gebrachten Young-Plan zur Regelung der Reparationen erhob sich der Protest des rechten politischen Lagers. Insbesondere Hugenberg trieb ein Volksbegehren gegen den Young-Plan voran. Severing stand an der Spitze derjenigen, die gegen dieses Volksbegehren auftraten und sich gegen die Angriffe der Hugenberg-Presse wehrten. In Teilen der Ăffentlichkeit wurde das schlieĂlich gescheiterte Volksbegehren zu einem Kampf zwischen Hugenberg und Severing stilisiert.cite-ref-77[77]
Auf der Linken hatte die KPD inzwischen die Sozialfaschismusthese Ăźbernommen und agitierte vorwiegend gegen die SPD. Insbesondere der Rotfrontkämpferbund (RFB) versuchte zu provozieren. Gegen eine verbotene Demonstration ging die preuĂische Polizei am 1. Mai 1929 hart vor. Es kam zu bĂźrgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen in Berlin, dem so genannten Blutmai. In der Folge drängte Grzesinski Severing, ein reichsweites Verbot des Rotfrontkämpferbundes zu erlassen. Um Druck auf den Reichsinnenminister auszuĂźben, lieĂ Grzesinski den RFB in PreuĂen schon zuvor verbieten. Letztlich kam es zu einem entsprechenden Verbotsbeschluss der Landesinnenminister. Severing selbst stand dem Vorgehen skeptisch gegenĂźber, weil der Schritt noch zur Radikalisierung der KPD beigetragen habe. Weitergehende Pläne fĂźr ein Verbot der KPD insgesamt hielt er fĂźr nicht durchfĂźhrbar.cite-ref-78[78]
Angesichts der Entwicklungen auf der extremen Linken und Rechten war in Severings Augen eine Verlängerung des am 22. Juli 1929 auslaufenden Republikschutzgesetzes nĂśtig. Ein erster Entwurf scheiterte im Reichstag. Ein leicht abgeschwächter Entwurf, der keine Zweidrittelmehrheit mehr im Parlament benĂśtigte, wurde schlieĂlich angenommen.
Obwohl das demokratische System schon brßchig war, betonte Severing als Hauptredner zu den Feierlichkeiten zum zehnjährigen Verfassungsjubiläum, dass die Republik willens sei, sich ihrer Feinde zu erwehren.cite-ref-79[79]
Ende der Regierung MĂźller 1930
Wirtschaftlich bedroht wurde die Republik durch die beginnende Weltwirtschaftskrise. Innenpolitisch begann insbesondere die DVP nach dem Tod von Stresemann damit, die SPD aus der Regierung zu drängen. Anfangs setzte sich Severing immer wieder fĂźr Zugeständnisse gegenĂźber den bĂźrgerlichen Parteien ein. Am Ende gingen aber auch ihm die Forderungen der anderen Seite zu weit. Im entscheidenden Konflikt während der Etatberatungen fĂźr das Jahr 1930 lehnte er im Namen der SPD-Minister den Entwurf des Reichsfinanzministers ab, weil dieser keine direkten Steuern zur Heranziehung der Besitzenden beinhaltete. Severing plädierte zur Deckung des krisenbedingten Defizits in der Arbeitslosenversicherung fĂźr direkte SteuererhĂśhungen, etwa in Form eines Zuschlags zur Einkommensteuer. Dagegen wandte sich die DVP nachdrĂźcklich. Der intensive Streit um den Haushalt konnte noch einmal beigelegt werden. Am 27. März 1930 zerbrach die Regierung MĂźller jedoch an der Auseinandersetzung um die Arbeitslosenversicherung. Vorangegangen war ein Kompromissvorschlag von Heinrich BrĂźning, der im Kern eher der DVP nahekam und insgesamt einen sozialpolitischen Rechtsruck bedeutet hätte. Gleichwohl plädierte Severing, um die Regierung zu retten, fĂźr die Annahme dieses Vorschlages, konnte sich damit in der SPD aber nicht durchsetzen. Seiner Meinung nach wäre die Annahme des Kompromisses besser gewesen, als die Republik den rechten Parteien zu Ăźberlassen.cite-ref-80[80] Severing äuĂerte dazu im Reichstag: ââŚdieser RĂźcktritt war keine gewĂśhnliche Demission, sondern der Abschluss einer politischen Periode, in der es der Sozialdemokratie mĂśglich war, die Reichspolitik unmittelbar zu beeinflussen. Es gehĂśrt keine Prophetengabe dazu, um vorauszusagen, dass nunmehr der Kurs bewusst ohne Sozialdemokraten gesteuert werden sollte, in mehreren Fragen auch gegen sie.âcite-ref-81[81]
PreuĂischer Innenminister in der Krise der Republik
Nach dem Ende seiner Ministerzeit wurde Severing die EhrendoktorwĂźrde der Technischen Hochschule Braunschweig verliehen. Wegen Drohungen nationalsozialistischer Studenten wurde die Verleihung nicht Ăśffentlich begangen.cite-ref-82[82]
Insbesondere nach den Reichstagswahlen von 1930 mit den Erfolgen von KPD und NSDAP sprachen sich Severing, Braun und Heilmann fĂźr eine Tolerierung der Regierung von Heinrich BrĂźning durch die SPD-Fraktion aus. FĂźr diese war die erste Präsidialregierung das kleinere Ăbel angesichts des erstarkten Nationalsozialismus.cite-ref-83[83]
Anstelle von Grzesinski, der wegen einer privaten Affäre zurĂźcktreten musste, wurde Severing nach einer kurzen Amtszeit von Heinrich Waentig am 21. Oktober 1930 erneut preuĂischer Innenminister. FĂźr Ministerpräsident Braun war Severing allerdings nicht die erste Wahl. Eine erneute Berufung von Grzesinski stieĂ beim Koalitionspartner der Zentrumspartei aber auf harten Widerstand. Brauns ZĂśgern lag die Einschätzung zu Grunde, Severing sei zu wenig tatkräftig. Von Seiten der Mehrheit der Republikaner wurde die AmtsĂźbernahme allerdings als Hoffnung auf einen erfolgreichen Kampf gegen die politischen Extreme angesehen. Der Vorwärts schrieb: âDie Ernennung Carl Severings zum preuĂischen Innenminister wird in allen Kreisen als Antwort auf die nationalsozialistischen Diktatur- und Staatsstreichpläne aufgefasst werden.â Das Blatt lobte noch einmal die Demokratisierung der Verwaltung und die Schaffung des âSystems Severing,â gegen das âder ganze Zorn der entmachteten Junker und Reaktionäre emporgeiferte.â Dagegen fasste die extreme Rechte die Ernennung als Provokation auf, und fĂźr die Kommunisten war Severing die âVerkĂśrperung des Sozialfaschismus.âcite-ref-84[84] Severing selbst gab sich kampfbereit. âEr sei nicht kampfesmĂźde, und wenn man am vergangenen Sonnabend im Reichstag versucht habe, ihm den Puls zu fĂźhlen, so kĂśnne er vor seinen Gegnern erklären, dass er das Wort âkränklichâ aus seinem Lexikon gestrichen hätte.âcite-ref-85[85]
Ein erster Konflikt war die Kampagne, die insbesondere Joseph Goebbels gegen den Film Im Westen nichts Neues nach dem Roman von Erich Maria Remarque inszeniert hatte. Severing und der zum Polizeipräsidenten von Berlin ernannte Grzesinski lieĂen die Kinos bewachen und verboten Demonstrationen der Nationalsozialisten. Allerdings wurde der Film kurze Zeit später auf Veranlassung der Reichsregierung und des Reichspräsidenten verboten.cite-ref-86[86] Severing musste auch bald erkennen, dass die Schutzpolizei nur noch bedingt als Schutztruppe der Republik taugte. Ein GroĂteil der Polizisten, insbesondere der Offiziere, neigte dem Stahlhelm und der NSDAP zu. Um der sozialen Not der Weltwirtschaftskrise und damit der politischen Radikalisierung entgegenzutreten, beteiligte sich Severing engagiert am Aufbau der Winterhilfe. Nicht zuletzt auf Severings Drängen ergriff BrĂźning die Initiative zu einer Notverordnung, die es ermĂśglichte, besser als zuvor gegen politische Extremisten vorzugehen. Dem folgten weitere ähnliche Notverordnungen des Reiches. Allerdings waren damit auch Einschränkungen von Grundrechten verbunden. In den ersten drei Monaten wurden mehr als 3400 Polizeiaktionen wegen politischer Straftaten gezählt, die Mehrheit von Ăźber 2000 Fällen richtete sich dabei gegen die KPD.cite-ref-87[87]
Das Volksbegehren von rechten Parteien zur AuflĂśsung des preuĂischen Landtages musste Severing zulassen, da es verfassungsgemäà war. Er verbot indes die aktive UnterstĂźtzung des Vorhabens durch Beamte und Polizisten. Die KPD brachte er gegen sich auf, als er eine kommunistische Spartakiade verbieten lieĂ. Dies verstärkte in der kommunistischen Partei das Ziel, das âsozialfaschistische System Braun-Severing-Grzesinskiâ zu stĂźrzen. Eine Folge war, dass die KPD das schlieĂlich gescheiterte Volksbegehren der NSDAP und anderer rechter Parteien unterstĂźtzte.
Die MaĂnahmen der Regierungen im Reich und in PreuĂen erwiesen sich als weitgehend wirkungslos bei der Bekämpfung politisch motivierter Gewalttaten. Allerdings hielt Severing ein Verbot der KPD fĂźr nicht mĂśglich. Bei einem Verbot der SA sah er die Gefahr, dass die Nationalsozialisten stattdessen den Stahlhelm unterwandern wĂźrden. Am Ende des Jahres 1931 nutzte Severing die Boxheimer Dokumente dazu, die Ăffentlichkeit noch einmal Ăźber die nationalsozialistische Gefahr zu informieren. Verschiedene Ideen wie die, Adolf Hitler als unerwĂźnschten Ausländer abzuschieben, scheiterten am Einspruch der Reichsregierung.
Als 1932 die Reichspräsidentenwahlen anstanden und Braun, BrĂźning und andere Hindenburg als republikanischen Kandidaten aufstellen wollten, war Severing skeptisch, da er wusste, dass der Reichspräsident häufig auf Berater aus dem rechten Lager hĂśrte. Stattdessen schlug er ohne Erfolg den populären und republiktreuen Kapitän der Zeppeline Hugo Eckener vor. Als die Entscheidung fĂźr Hindenburg gefallen war, setzte sich Severing mit aller Energie fĂźr diesen ein. So organisierte er die ârepublikanische Aktionâ, die Ăźber die Parteigrenzen hinweg fĂźr die Wahl Hindenburgs eintrat. Ihm gelang es auch, Geldmittel der Reichsregierung und PreuĂens fĂźr den Wahlkampf gegen Hitler zu akquirieren.cite-ref-88[88]
Bereits zwischen den beiden Wahlgängen zur Präsidentenwahl hatte Severing Gebäude der NSDAP durchsuchen lassen. Dabei wurde erheblich belastendes Material wie etwa Säuberungslisten gefunden. Vor diesem Hintergrund begann Severing damit, sich bei der Reichsregierung fĂźr ein Verbot der SA einzusetzen. Der VorstoĂ war erfolgreich, aber das am 13. April 1932 in Kraft getretene SA-Verbot lief grĂśĂtenteils ins Leere, weil die NSDAP auch von Mitarbeitern aus dem preuĂischen Innenministerium vorgewarnt war.cite-ref-89[89]
Geschäftsfßhrende Landesregierung 1932
Bei den preuĂischen Landtagswahlen wurde Severing von Goebbels als eigentlicher Gegner betrachtet. Der Gauleiter von Berlin schrieb: âDer Kampf um PreuĂen, Herr Severing, wird um ihren Namen und um ihre Person gefĂźhrt.âcite-ref-90[90] Goebbels fĂźhrte in der Folge eine Schmutzkampagne mit angeblichen privaten EnthĂźllungen. Aber es war vor allem die allgemeine politische Lage, die dazu fĂźhrte, dass nach den Wahlen die NSDAP und die KPD eine negative Mehrheit errungen hatten. Die bisherige Regierung trat offiziell zurĂźck, fĂźhrte die Geschäfte bis zur Wahl einer neuen Regierung aber fort. Nach der Wahl wurden verschiedene MĂśglichkeiten diskutiert, wieder zu einer Regierung mit einer Mehrheit im preuĂischen Landtag zu kommen. Darunter war auch ein BĂźndnis von Zentrum und NSDAP. Severing hat â fĂźr viele Ăźberraschend â eine Regierungsbeteiligung der Hitler-Partei befĂźrwortet, weil er meinte, dass so die Bewegung entzaubert werden kĂśnnte. Später versuchte er dies zu relativieren. Nur wenn klar sei, dass die Nationalsozialisten keinen Schaden anrichten kĂśnnten, sei ihre Regierungsbeteiligung zu tolerieren. Stattdessen plädierte er nunmehr dafĂźr, dass das Kabinett Ăźber längere Zeit geschäftsfĂźhrend im Amt bleiben sollte. âBleiben bis zur AblĂśsung und unverdrossen seine Pflicht tun, was immer kommen mag â das ist vielleicht das schwerste Opfer, das bisher von der Partei und von den nächstbeteiligten Personen gefordert worden ist. Es muss aber gebracht werden, weil die Verfassung und das Wohl des Volkes es so verlangen.âcite-ref-91[91] Nach dem faktischen RĂźckzug von Otto Braun war Severing die dominierende Person der geschäftsfĂźhrenden Regierung. Er versuchte sogar noch, eine Verwaltungsreform durchzubringen. Schwierig wurde die Situation fĂźr die preuĂische Regierung nach dem Sturz BrĂźnings.cite-ref-92[92]
PreuĂenschlag
Das Kabinett Papen arbeitete von Anfang an auf die Beseitigung der geschäftsfĂźhrenden preuĂischen Regierung hin. Dieses Vorhaben erschien der Regierung verfassungswidrig, und auch andere Länderregierungen stellten sich auf die Seite PreuĂens. Ein willkommener Anlass fĂźr den so genannten PreuĂenschlag fand sich im so genannten âAltonaer Blutsonntag.â In der Ăffentlichkeit wurde bereits Ăźber die Einsetzung eines Reichskommissars fĂźr PreuĂen debattiert. In diesem Zusammenhang machte der Herausgeber des Vorwärts Friedrich Stampfer mit dem Satz, Severing habe kein Recht, auf Kosten der Polizeibeamten tapfer zu sein, deutlich, dass die SPD einer Entmachtung in PreuĂen keinen aktiven Widerstand entgegensetzen wĂźrde. Am Morgen des 20. Juli 1932 erĂśffnete von Papen Severing, dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Heinrich Hirtsiefer und Finanzminister Otto Klepper, die er zu sich bestellt hatte, dass Hindenburg ihn, Papen, wegen der beim Altonaer Blutsonntag bewiesenen Unfähigkeit der preuĂischen Regierung, Recht und Gesetz in PreuĂen zu garantieren, zum Reichskommissar fĂźr PreuĂen bestellt hätte. Er Ăźbernehme die Regierungsgeschäfte und entlasse zunächst den Ministerpräsidenten Otto Braun und Severing. Das Innenministerium werde durch den Essener OberbĂźrgermeister Franz Bracht Ăźbernommen. Die preuĂischen Minister protestierten gegen diese MaĂnahmen und bezeichneten sie als verfassungswidrig. Severing erklärte: âIch weiche nur der Gewalt.â Darauf wurde sofort der Belagerungszustand Ăźber Berlin verhängt und die Reichswehr eingesetzt. Die preuĂischen Minister verzichteten aber in Gänze darauf, Widerstand zu leisten. Die preuĂische Polizei wurde nicht eingesetzt. Am Nachmittag des gleichen Tages lieĂ sich Severing, der Ăźber eine Polizeimacht von 90.000 preuĂischen Polizeibeamten gebot, von einer Abordnung des neu ernannten Polizeipräsidenten mit zwei Polizisten aus seinem BĂźro und Ministerium vertreiben. Weitere fĂźhrende republikanische Polizeioffiziere und auch andere demokratisch gesinnte Beamte wurden sofort und in den nächsten Tagen ihres Amtes enthoben. Klepper war entsetzt Ăźber den Fatalismus und die Passivität Severings, wie er 1933 in der in Paris erscheinenden Exilzeitschrift Das Neue Tagebuch â in seinem Artikel Erinnerung an den 20. Juli berichtete.cite-ref-93[93]cite-ref-94[94] Als einzige GegenmaĂnahme riefen die Minister den Staatsgerichtshof an. Auch wenn die Regierung in der im Herbst stattfindenden Verhandlung vor dem Staatsgerichtshof teilweise Recht bekam, hatten die Minister durch die Aufgabe ihrer Posten ihren tatsächlichen Einfluss verloren.cite-ref-95[95]
Entgegen der Erwartung vieler Anhänger der Sozialdemokratie und der Republik befĂźrwortete Severing einen aktiven Widerstand gegen den PreuĂenschlag nicht. Dabei spielten zum einen sachliche GrĂźnde eine Rolle. Ein Generalstreik war angesichts der hohen Arbeitslosigkeit wenig aussichtsreich, der Kampf der Polizei gegen die Reichswehr nicht zu gewinnen, und das Reichsbanner war ebenfalls nicht so stark, wie es den Anschein hatte. Insbesondere waren aber persĂśnliche GrĂźnde von Bedeutung. Severing hatte innerlich resigniert und war gar nicht mehr zu einer wirkungsvollen Gegenwehr bereit. Wäre er wirklich standhaft geblieben, hätte er mĂśglicherweise Papen zu Kompromissen zwingen kĂśnnen.cite-ref-96[96]
Nach dem PreuĂenschlag begann Papen sofort damit, die Spitzen der BehĂśrden umzubesetzen. Republikanhänger wurden entlassen. Obwohl weiterhin Sitzungen der machtlosen Staatsregierung stattfanden, nahm Severing an ihnen kaum noch teil. Stattdessen befand er sich als Symbolfigur der Republikaner in einem fast ständigen Wahlkampf. Er war der letzte SPD-Politiker, der im Radio eine Wahlkampfansprache halten konnte. An den Stimmenverlusten der Partei änderte sein Einsatz nichts. In der Endphase der Republik war Severing einer der wenigen fĂźhrenden Sozialdemokraten, die eine UnterstĂźtzung des neuen Reichskanzlers Kurt von Schleicher befĂźrworteten, um Hitler zu verhindern.cite-ref-97[97]
Zeit des Nationalsozialismus
Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933
Im Zuge der von der neuen Regierung geplanten AuflĂśsung des preuĂischen Landtages wurden gegen Severing und Braun VorwĂźrfe laut, sie hätten Staatsgelder unterschlagen. Dabei handelte es sich um Mittel, die die Regierung 1932 fĂźr die Bekämpfung der Gegner der Republik zur VerfĂźgung gestellt hatte. Gegen Severing und Braun begann eine regelrechte Hetzkampagne. Gegen die VorwĂźrfe gingen beide vergeblich gerichtlich vor. In der entsprechenden Debatte im Landtag am 4. Februar 1933 äuĂerte Wilhelm Kube fĂźr die NSDAP gegenĂźber Severing: âSie sind fĂźr uns keine politische Angelegenheit, sie sind fĂźr uns eine kriminelle Angelegenheit.âcite-ref-98[98] Der Angegriffene konnte darauf nicht antworten, weil ihn die NSDAP-Abgeordneten durch Geschrei daran hinderten. Der Wahlkampf zu den Reichs- und Landtagswahlen im März 1933 konnte von der SPD nur eingeschränkt gefĂźhrt werden. Severing etwa durfte nur zwei Wahlkampfreden halten. Wegen der VorwĂźrfe, Staatsgelder veruntreut zu haben, wurde er verhaftet, aber zur Sitzung des Reichstages, in der das Ermächtigungsgesetz behandelt wurde, entlassen. Bei der Abstimmung im Reichstag war er der letzte, der seine Stimme abgab. Er berichtete: âDie Anwesenheit von SA- und SS-Männern in den Gängen und im Sitzungssaal der Kroll-Oper verstärkte den drohenden Ton der AnkĂźndigung. (âŚ) Mit der Neinkarte in der erhobenen Rechten ging ich darauf von meinem Platz durch die Reihen der SA- und SS-Leute zur Abstimmung (âŚ)âcite-ref-99[99] An der Abstimmung Ăźber ein Ermächtigungsgesetz fĂźr PreuĂen am 18. Mai 1933 nahm Severing nicht mehr teil, da er sein Landtagsmandat bereits niedergelegt hatte.cite-ref-100[100]
Severing ging bewusst nicht in die Emigration. Er wollte seine Anhängerschaft insbesondere in Bielefeld nicht alleine lassen. Auch ein Leben im Ausland konnte er sich nicht vorstellen. Severing gehÜrte zu dem Teil der SPD-Fßhrung um Paul LÜbe, die im Inland bis zum Verbot der SPD den Fßhrungsanspruch der Exil-Partei bekämpfte und sich den neuen Verhältnissen anzupassen suchte.cite-ref-101[101]
Leben in der Zeit des NS-Regimes
In der Folgezeit wurde Severing nicht mehr verhaftet, gleichwohl musste er Schikanen Ăźber sich ergehen lassen und wurde Ăźberwacht. Aufgrund von Bedrohungen etwa durch die SA musste er mehrfach Bielefeld verlassen, aber ansonsten blieb er unbehelligt. Er selbst zog sich vollständig aus der Ăffentlichkeit zurĂźck und hielt sich zunächst von Widerstandsgruppen fern. Severing hielt während der NS-Zeit allerdings auch durch Reisen engen Kontakt zu frĂźheren fĂźhrenden Sozialdemokraten.
Zwar machte er in kleinen Gesten wie der Weigerung, die Hakenkreuzfahne aufzuziehen, seine Haltung zum Regime deutlich, aber er lieĂ sich vom Regime auch instrumentalisieren. Während die Exil-SPD bei der Abstimmung Ăźber die Eingliederung des Saargebiets forderte, gegen den Anschluss zu stimmen, sprach sich Severing dafĂźr aus. Dahinter steckte die Ăberzeugung, dass das Regime nur kurze Zeit bestehen werde, aber die Gefahr drohe, dass das Saarland auf Dauer auĂerhalb des Reichsgebiets bleibe. FĂźr die Exil-SPD war das Interview so ungeheuerlich, dass sie an eine Fälschung glaubte.
Bereits während des Dritten Reiches gab es GerĂźchte, dass Severing sich dem Regime zugewandt habe. Im März 1934 berichtete eine im Saarland erscheinende kommunistische Zeitung, dass Severing seine Memoiren unter dem Titel âMein Weg zu Hitlerâ verĂśffentlichen werde, und das Blatt druckte angebliche AuszĂźge ab. In der Emigration gab es eine heftige Debatte, ob dies der Wahrheit entspreche. Die Kampagne stellte sich rasch als haltlos heraus, der Verdacht wurde aber auch nach 1945 von interessierter Seite politisch gegen Severing verwendet.cite-ref-102[102]
FĂźr das Verhältnis von Severing zum NS-Regime sind die Zahlungen problematisch, die er vom Regime erhielt. Dabei ist zwischen zwei Aspekten zu unterscheiden. Juristisch vertreten durch seinen Schwiegersohn Walter Menzel gelang es Severing, die Auszahlung des Ăbergangsgeldes durchzusetzen, das ihm wie auch den anderen Mitgliedern der ehemaligen preuĂischen Regierung vom Regime verweigert wurde. Gleiches trifft auch auf die Zahlung einer kleinen Pension von 500 RM zu. Problematischer als diese ihm rechtlich zustehenden Gelder ist eine darĂźber hinausgehende Zahlung von 250 RM, die aus einem Privatfonds Hitlers stammte. Weshalb er diese Zahlung erhielt und weshalb er sie annahm, ist unklar. Der nach dem Krieg erhobene Vorwurf, er habe hier mit dem Regime paktiert, ist allerdings falsch.cite-ref-103[103]
Beziehungen zum Widerstand
Während des Zweiten Weltkriegs fiel sein Sohn an der Front. Die zahlreichen Bombenangriffe auf Deutschland machten Severing deutlich, dass eine Weiterfßhrung des Krieges in einer Katastrophe enden wßrde. Daher begann er, Kontakt zu Widerstandskreisen, insbesondere zu Wilhelm Leuschner und Wilhelm Elfes aufzunehmen. Zusammen mit diesem ehemaligen Zentrumspolitiker plante er fßr die Zeit nach Hitler die Grßndung einer Arbeiterpartei, die die bisherige Spaltung der Arbeiterbewegung in christliche, kommunistische und sozialdemokratische Fraktionen ßberwinden sollte. Als ehemaliger Minister spielte er auch eine Rolle bei den personellen Planungen des Widerstandes. Eine darßber hinausgehende Beteiligung oder gar aktive Teilnahme lehnte Severing ab, weil er den geplanten Umsturz als viel zu riskant und realitätsfern ansah.cite-ref-104[104] Trotz seiner Kontakte wurde Severing nach dem Scheitern des Hitlerattentates vom 20. Juli 1944 nicht im Rahmen der Aktion Gitter verhaftet.cite-ref-105[105]
Nachkriegszeit
Einfluss ohne Mandat
Unmittelbar nach Kriegsende beriet Severing die zunächst amerikanischen und später britischen BesatzungsbehĂśrden bei der Besetzung von Stellen, wenngleich beim Posten des Bielefelder OberbĂźrgermeisters kein Sozialdemokrat zum Zuge kam und Sozialdemokraten auch nicht in der ersten beratenden Stadtverordnetenversammlung vertreten waren. Die SPD in Bielefeld und Ostwestfalen wurde in seinem Haus wieder gegrĂźndet. Severing spielte auch in der Folgezeit die fĂźhrende Rolle in der Partei. Seine Ideen einer die Grenzen der politischen Lager ĂźberbrĂźckenden Arbeiterpartei wurden allerdings nicht verwirklicht. Das Verhältnis zu Kurt Schumacher war seit der Weimarer Republik gespannt, aber sie hatten in dem Ziel, die deutsche Einheit zu bewahren, und in der Ablehnung der Kollektivschuldthese eine zumindest vorĂźbergehend gemeinsame Basis der Zusammenarbeit. Dennoch blieben die Gegensätze groĂ. Severing lehnte den Rigorismus Schumachers ab. Anstelle der Konfrontation setzte er auf Zusammenarbeit der SPD mit den Ăźbrigen demokratischen Parteien. Severings BemĂźhen, mit den christlichen Kirchen und insbesondere mit katholischen Kreisen ins Gespräch zu kommen, blieb Schumacher ebenfalls fremd.cite-ref-106[106]
Severing hatte Ăźber die Grenzen Bielefelds hinaus Bedeutung fĂźr den demokratischen Neuaufbau. Er war Vorsitzender der Oelder Konferenz, zu der sich Vertreter verschiedener gesellschaftlicher Gruppen trafen, um mit dem âOelder Aufrufâ eine Basis fĂźr einen politischen Neubeginn zu entwerfen. Der Ăśffentliche Eindruck war so groĂ, dass Severing auch eine vergleichbare Konferenz fĂźr das Rheinland leitete.
Am 3. September 1945 trafen sich fĂźhrende Verwaltungsleiter der britischen Zone in seinem Haus. Sie bestimmten den Hamburger BĂźrgermeister Rudolf Petersen und Severing zu den deutschen Verbindungsleuten bei der BesatzungsbehĂśrde. Auf Grund des Todes seiner Frau konnte Severing nicht an der Wennigser Konferenz teilnehmen, auf der Kurt Schumacher seinen FĂźhrungsanspruch fĂźr die SPD der Westzonen durchsetzte. Im Bereich der britischen Zone sollten die regelmäĂigen Konferenzen der einzelnen Länder unter dem Vorsitz Severings stattfinden. Die Mitarbeiter fĂźr ein Verbindungssekretariat wurden von ihm bestimmt. Er verhandelte auch mit den Ruhrbergarbeitern, um sie zu einer grĂśĂeren FĂśrdermenge zu bewegen, und machte Vorschläge zur Neuformierung der Polizei. Ohne ein formales Amt hatte Severing eine so starke Stellung wie später nie mehr inne. Im Oktober 1945 konnte Severing zur offiziellen Zulassung der SPD in Bielefeld auf groĂen Versammlungen sprechen.cite-ref-107[107]
Kampagne gegen Severing
Bereits im Herbst 1945 begann Severings Einfluss deutlich abzunehmen. Hintergrund war eine von der ostdeutschen KPD initiierte Kampagne, in der ihm vorgeworfen wurde, dass er vom NS-Regime eine Pension erhalten hätte. Zudem wurde ihm sein Verhalten während des PreuĂenschlages vorgeworfen. Aus dem westlichen Ausland gab es sogar Berichte, Severing hätte eine Verpflichtungserklärung zu Gunsten Hitlers unterschrieben. Neben den gezielten Denunziationsabsichten stand hinter den VorwĂźrfen die Unklarheit darĂźber, weshalb Severing die NS-Zeit weitgehend unbehelligt Ăźberstehen konnte. Severing versuchte mit wenig Erfolg, offensiv gegen die Kampagne vorzugehen.
Aber auch in der SPD gab es Kritik. Severing, LÜbe und Noske schienen als Fßhrungspersonen fßr einen Neuanfang wenig geeignet. Auch Schumacher sah dies ähnlich und nutzte die Kampagne, um Severing aus dem Fßhrungskreis der SPD zu verdrängen. Severings Idee einer ideologiefreien Arbeiterpartei wurde von Schumacher zudem scharf abgelehnt. Dass ihn die SPD in der Provinz Westfalen bei der Aufstellung der Landesliste fßr die ersten Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen nicht an die Spitze setzte, verbitterte ihn.cite-ref-108[108]
Nicht nur die persĂśnlichen Angriffe gegen Severing, sondern auch das Bild, das sich die westlichen Alliierten von ihm machten, fĂźhrte zu einer Schwächung seiner Position. Insbesondere die Franzosen sahen in seiner Tätigkeit den Versuch, das PreuĂentum in der britischen Zone wiederzubeleben. Die Briten sahen vor diesem Hintergrund insbesondere Severings Position als Vorsitzender der Konferenz der Länderchefs bei Verhandlungen mit Franzosen und Russen als stĂśrend an. Auf Druck der britischen BesatzungsbehĂśrden legte er dieses Amt nieder. Auch in den beratenden Provinzialrat der Provinz Westfalen, das kurzzeitig bestehende Nachfolgeorgan des frĂźheren Provinziallandtags, wurde er 1946 nicht berufen.cite-ref-109[109]
Landespolitiker
Die Briten versagten ihm zunächst auch bei der neu zu grßndenden Parteizeitung fßr Ostwestfalen und Lippe (Freie Presse) die Lizenz. Immerhin schrieb Severing in der ersten Ausgabe den Leitartikel und stellte das Blatt vor. Dieses war breiter aufgestellt als die Volkswacht von vor 1933. Man wollte nicht nur Arbeiter und ßberzeugte Sozialdemokraten ansprechen, sondern auch andere Leserkreise erreichen. Severing leitete die Redaktion.
Wenngleich er ßberregional nur noch geringe Bedeutung hatte, blieb Severing der fßhrende Kopf der SPD in Ostwestfalen, deren Fßhrungspositionen mit seinen Gefolgsleuten besetzt waren. Auf dem ersten Parteitag der ostwestfälisch-lippischen SPD Ende April 1946 wurde Severing zum Bezirksvorsitzenden gewählt.
Mit seinem Einsatz gegen eine Angliederung von Ostwestfalen an ein neues groĂes Niedersachsen war Severing zusammen mit anderen erfolgreich. Bei den Verhandlungen zur Bildung des ersten Kabinetts von Nordrhein-Westfalen unter Rudolf Amelunxen (Zentrumspartei) war Severing Leiter der Verhandlungsdelegation der SPD. Besonders heftig waren die Auseinandersetzungen mit Konrad Adenauer,cite-ref-110[110] der sich vor allem gegen die Besetzung des Innenministeriums mit Severings Schwiegersohn Walter Menzel wandte. Er machte Severing dafĂźr verantwortlich, dass schlieĂlich eine Regierung ohne die CDU zustande kam. Bei der Wahl zum ersten gewählten Landtag von Nordrhein-Westfalen am 20. April 1947 wurde Severing in den Landtag gewählt, dem er bis zu seinem Tod angehĂśrte.cite-ref-111[111] 1947 war er wieder maĂgeblich an den Verhandlungen fĂźr eine neue Regierung beteiligt. Im Landtag selbst war Severing eine moralische Autorität, er nahm sein Mandat sehr ernst. Er hielt die Rede zur Einweihung des Landtagsgebäudes.cite-ref-112[112]
Letzte Jahre
Vor den ersten Bundestagswahlen von 1949 erhoffte sich Severing als Anerkennung fßr seine Lebensleistung den ersten Platz auf der nordrhein-westfälischen Landesliste, obwohl er nicht daran dachte, das Mandat anzunehmen. Als die Partei dem nicht folgte, kandidierte er nicht wieder fßr den Vorsitz des SPD-Bezirks Ostwestfalen-Lippe. Stattdessen wurde er Ehrenvorsitzender. Bereits zuvor hatte er aus Gesundheitsgrßnden die Leitung der Freien Presse abgegeben. Allerdings schrieb er auch weiterhin zahlreiche Artikel.
Die letzten beiden Lebensjahre waren von Krankheiten geprägt. Gleichwohl sprach Severing weiterhin auf bedeutenden Parteiveranstaltungen und besuchte alte Freunde. Unter anderem besuchte er Otto Braun in der Schweiz. Sie legten die Konflikte aus der Weimarer Zeit bei. Aber noch an der Jahreswende 1951/52 mischte er sich in die politische Debatte ein und unterstßtzte eine Kampagne von Otto Grotewohl bzw. von SED und KPD zur Wiedervereinigung. Diesem Kurs trat Kurt Schumacher strikt entgegen, und Severing kßndigte sogar an, diesen stßrzen zu wollen. Dazu kam es krankheitsbedingt und wegen der Erkenntnis, von der SED missbraucht worden zu sein, nicht mehr.
Bei seinem Tod hatte er fast jeglichen politischen Einfluss verloren. Aber nach seinem Tod zeigte sich, dass er immer noch hoch geachtet war. Der Landtag hielt eine Trauerfeier ab. Bis zur Beerdigung nutzten Tausende die Gelegenheit, um dem Aufgebahrten die letzte Ehre zu erweisen. An seinem Trauerzug nahmen mehr als 40.000 Menschen teil.cite-ref-113[113] Beigesetzt wurde Carl Severing auf dem Sennefriedhof.cite-ref-114[114]
Trivia
Carl Severing gilt als einer der mĂśglichen Erfinder des Slogans âDie Polizei â Dein Freund und Helferâ, der im September 1926 anlässlich der Internationalen Berliner Polizeiausstellung erstmals auftauchte.cite-ref-115[115] DiesbezĂźglich wird aber ebenso auf den Berliner Kriminalpolizisten Erich Liebermann von Sonnenberg verwiesen.cite-ref-116[116] Fest steht, dass der damalige Berliner Polizeipräsident Albert Grzesinski den Slogan im Vorwort eines Buchs zu besagter Polizeiausstellung zum ersten Mal offiziell benutzte. Der Slogan war zudem der Leitspruch der Ausstellung (âDie Polizei, dein Freund und Helfer â Bitte treten Sie näher!â). Im Jahr 1937 verwendete ihn Heinrich Himmler in einem Geleitwort des Buchs âDie Polizei â einmal andersâ (Franz-Eher-Verlag, MĂźnchen), von Helmuth Koschorke.cite-ref-117[117]
Ehrungen
⢠Nach Severing sind mehrere Bielefelder Schulen benannt worden:
⢠das Carl-Severing-Berufskolleg fßr Metall- und Elektrotechnik,
⢠das Carl-Severing-Berufskolleg fßr Wirtschaft und Verwaltung,
⢠das Carl-Severing-Berufskolleg fĂźr Handwerk und Technik. In der Eingangshalle dieser Schule ist eine BronzebĂźste Carl Severings aufgestellt, die um 1925 vom Bildhauer Georg Kolbe erschaffen wurde, â soweit bekannt der einzige Abguss dieses Kunstwerkes.
⢠Das Bildungszentrum Carl Severing des Landesamtes fßr Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei Nordrhein-Westfalens in Mßnster trägt seinen Namen.
⢠Mehrere StraĂen in ganz Deutschland wurden nach ihm benannt, u. a. in Berlin-Buckow, Bielefeld-Quelle, Bremen-Vahr, DĂźsseldorf-Garath, KĂśln-Holweide und Hiddenhausen sowie in seiner Geburtsstadt Herford.
Publikationen
⢠Die gesetzliche Regelung der Tarifverträge, 1910.
⢠Sozialdemokratie und VÜlkerhass, Verlag Internationale Korrespondenz, Berlin-Karlshorst 1915.
⢠Zur Londoner Gewerkschaftskonferenz, 1915.
⢠Zur deutschen sozialdemokratischen Reichskonferenz 1916, 1916.
⢠Deutschlands Zukunft und die deutsche Arbeiterklasse, 1916.
⢠Wie es kam!: eine Rede d. Reichs- u. Staatskommissars ßber d. Unruhen im Ruhrgebiet, Oberhuber Verlag, Dortmund 1920.
⢠Ein Wort zum deutschen sozialdemokratischen Parteitag 1921, 1921.
⢠Otto Hue zum Gedächtnis, 1922.
⢠Das Gebot der Stunde, 1923.
⢠FĂźr die groĂe Koalition, 1925.
⢠1919/20 im Wetter- und Watterwinkel. Berlin 1927.
⢠Eine offene Wunde : Eine Untersuchung ßber den Stand der Kriegsschuldfrage, Hensel Verlag, Berlin 1928.
⢠Severings Kommunistengesetz, Internationaler Arbeiter Verlag, Berlin 1930.
⢠Gegen den Alkoholismus!: vier kulturpolitische Reden an Fßhrer u. Massen, Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Alkoholgegner, 1930.
⢠Wegweiser durch die Polizei: Denkschrift, Berlin 1931.
⢠Die politische und soziale Lage der Polizeibeamten, 1932.
⢠Wegbereiter des Nationalsozialismus â Franz v. Papen: eine Porträtskizze, Freie Presse Verlag, Bielefeld 1947.
⢠Der Polizeigedanke einst und jetzt, Reinhardt Verlag, Frankfurt am Main 1949.
⢠Mein Lebensweg. Greven Verlag, KÜln 1950 (2 Bände).
Literatur
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⢠Siegfried Ittershagen: Severing, Carl. In: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Biographisches Lexikon. Dietz Verlag, Berlin 1970, S. 427â428.
⢠Thomas Alexander: Carl Severing. Sozialdemokrat aus Westfalen mit preussischen Tugenden. Westfalen-Verlag, Bielefeld 1992, ISBN 3-88918-071-X.
⢠Kurt Koszyk: Carl Severing. In: Westfälische Lebensbilder. Band XI, MĂźnster, 1975. S. 172â201.
⢠Hans Menzel: Carl Severing. Historisch-Politischer Verlag, Berlin 1932.
⢠Klaus Neumann: Carl Severing. Von der Armenschule ins Ministeramt. Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Mßnster 1991, DNB 942952057 (= Westfalen im Bild, Reihe: PersÜnlichkeiten aus Westfalen, Heft 4).
⢠Karsten Rudolph: Severing, Carl Wilhelm. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 24. Duncker & Humblot, Berlin 2010, ISBN 978-3-428-11205-0, S. 286â287 (deutsche-biographie.de).
⢠Martin Schumacher (Hrsg.): M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und AusbĂźrgerung, 1933â1945. Eine biographische Dokumentation. 3., erheblich erweiterte und Ăźberarbeitete Auflage. Droste, DĂźsseldorf 1994, ISBN 3-7700-5183-1.
⢠Karl Ditt: Industrialisierung, Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung in Bielefeld. Gesellschaft fßr Westfälische Wirtschaftsgeschichte, Dortmund 1982, ISBN 3-921467-30-6.
⢠Heinrich August Winkler: Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918 bis 1924. Dietz, Berlin/Bonn 1984, ISBN 3-8012-0093-0 (= Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik, Band 1).
⢠Heinrich August Winkler: Der Schein der Normalität. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1924 bis 1930. Dietz, Berlin/Bonn 1985, ISBN 3-8012-0094-9 (= Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik, Band 2).
⢠Heinrich August Winkler: Der Weg in die Katastrophe. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1930 bis 1933. 2. Auflage, Dietz, Berlin/Bonn 1990, ISBN 3-8012-0095-7 (= Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik, Band 3).
Weblinks
Commons
: Carl Severing
â Sammlung von Bildern
⢠Literatur von und ßber Carl Severing im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
⢠Zeitungsartikel ßber Carl Severing in den Historischen Pressearchiven der ZBW
⢠Jochen Rath: 4. Februar 1907: Carl Severing zieht als Sieger der âHottentottenwahlâ in den Reichstag ein. In: Historischer âRĂźckKlickâ. Stadtarchiv Bielefeld, 1. Februar 2007; abgerufen am 18. Juni 2019.
⢠Carl Severing in der Datenbank der Reichstagsabgeordneten
⢠Carl Severing in der Online-Version der Edition Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik
⢠Biographie zu Carl Severing
⢠Carl Severing im Lexikon Westfälischer Autorinnen und Autoren
Einzelnachweise
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cite-note-102102. â Alexander, Severing, S. 216â222.
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cite-note-104104. â Ribhegge, PreuĂen im Westen, S. 608.
cite-note-105105. â Alexander, Severing, S. 222 f.
cite-note-106106. â Ribhegge, PreuĂen im Westen, S. 623.
cite-note-107107. â Alexander, Severing, S. 225â234.
cite-note-108108. â Alexander, Severing, S. 234â238.
cite-note-109109. â Ribhegge, PreuĂen im Westen, S. 627 f.
cite-note-110110. â Ribhegge, PreuĂen im Westen, S. 650.
cite-note-111111. â Carl Severing beim Landtag Nordrhein-Westfalen
cite-note-112112. â Alexander, Severing, S. 241â249.
cite-note-113113. â Pressebericht: Minister und Arbeiter folgten seiner Bahre. 40.000 gaben Staatsminister a. D. Severing das letzte Geleit. Trauer kannte keinen Unterschied von Rang und Namen. In: Freie Presse, Bielefeld, 28. Juli 1952.
cite-note-114114. â Alexander, Severing, S. 249â256.
cite-note-115115. â Wolf Dieter LĂźddecke: Wie sich die Zeiten ändern: Polizei-Geschichte im Spiegel von Karikatur und Satire, Verlag Deutsche Polizeiliteratur GmbH, Hilden 1988, ISBN 3801101568, S. 7.
cite-note-116116. â GĂśtz Aly, Karl Heinz Roth: Die restlose Erfassung: Volkszählen, Identifizieren, Aussondern im Nationalsozialismus, Rotbuch, Berlin 1984, ISBN 3-88022-282-7.
cite-note-117117. â Marion Bremsteller: Freunde und Helfer vor leeren Benzintonnen â Ăber den Nutzen und Nachteil der Etikettierung fĂźr das polizeiliche Berufsleben, in: Carsten Star (Hrsg.): Soziologie und Polizei: Zur soziologischen Beschäftigung mit und fĂźr die Polizei, Reihe Verwaltungssoziologie Band 4, Norderstedt 2015, ISBN 978-3-7386-1997-3, S. 71â92, S. 74.